Las Vegas

13. März 2018 20:51; Akt: 13.03.2018 20:51 Print

Atombombentests waren einst Touristen-Highlights

von Fee Riebeling - Heute lockt Las Vegas mit seinen Casinos und Shows. Früher gab es noch eine strahlendere Attraktion: Atombombentests in nächster Nähe.

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Atombombentests und dazu noch in der Nähe einer hoch frequentierten Stadt sind aus heutiger Sicht unvorstellbar. Schliesslich wird bei der Detonation jede Menge Radioaktivität freigesetzt. (Im Bild: die Fremont Street in Las Vegas mit dem Atompilz einer 37-Kilotonnen-Bombe im Hintergrund, 1957) Mitte des letzten Jahrhunderts sah man das deutlich entspannter: Zwischen 1951 und 1962 wurden vor den Toren von Las Vegas insgesamt 119 Atombomben überirdisch gezündet. (Im Bild: die Fremont Street in Las Vegas mit dem Atompilz einer 37-Kilotonnen-Bombe im Hintergrund, 1957) Aber das ist noch nicht alles. Weil noch nicht klar war, was Radioaktivität anrichten kann, zogen die Atombombentests jede Menge Schaulustige an. (Im Bild: ein Atomtest in der Wüste Nevadas, 1957) Während dieser Spektakel gesellten sich zu den an den Aktionen beteiligten Soldaten und dokumentierenden Filmleuten ... (Im Bild: Viel Abstand zum Detonationsort wurde nicht gewahrt, 1957) ... auch Zivilisten – Einheimische wie Touristen, die oft eigens für die Tests angereist waren. (Im Bild: Aufnahme vom 18. März 1953. Um keinen Schaden davonzutragen, schützten sich die Menschen mit speziellen Brillen) Wie ahnungslos man damals war, zeigt das Beispiel des Films «Der Eroberer»: Dieser wurde 1956 auf dem Testgelände gedreht. 30 Jahre später waren 91 Mitglieder des 220-köpfigen Filmteams an Krebs erkrankt, schon 1981 waren 46 der Beteiligten an Krebs gestorben. Das grosse Interesse an den Atombombentests kam nicht von ungefähr, schliesslich boten viele Hotels auf die Atombombentest-Termine zugeschnittene Pauschalarrangements an. (Im Bild: Gäste des Old Frontier Village betrachten vom Pool aus einen Atompilz, 1953) Egal, wohin man schaute: Wirklich alles war auf die Atombombentests ausgerichtet. (Im Bild: Das Royal-Nevada-Hotel, das später Teil des Stardust-Hotels wurde, heisst die extra für die Tests angereisten Soldaten willkommen, 1954) Vieles trug auf einmal den Zusatz «atomar»: Restaurants servierten Atomic Cocktails und Atomic Burger. (Im Bild: die Fremont Street mit einem Atompilz im Hintergrund, 1957) In den Läden gab es spezielle Ausverkäufe mit wahlweise «nuked» (plattgemachten), «vaporized» (verdampften) oder «blasted» (gesprengten) Preisen. (Im Bild: Schauspielerin Marie Wilson posiert mit einem Geigerzähler vor dem Flamingo Hotel, das einen «Atomic Cheeseburger» im Angebot hatte) Doch damit der Absurditäten noch nicht genug: Die Atombombentests motivierten die Verantwortlichen auch zu ganz besonderen Miss-Wahlen.Neben der Miss Atomic Blast wurden unter anderem eine Miss A-Bomb, eine Miss Cue und eine Miss Big Bang gekürt. (Im Bild: Miss Atomic Bomb 1957, Lee Merlin) Auch Balletttänzer kamen in den aus heutiger Sicht fragwürdigen Genuss, vor den radioaktiven Wolken zu posieren: Ballerina Sally McCloskey interpretierte 1953 den Atompilz am Himmel auf ihre Weise. Die Perfomance ging als «Angel's Dance» in die Geschichtsbücher ein. Mit alldem war 1963 aber Schluss, nachdem Präsident John F. Kennedy das Moskauer Atomteststoppabkommen unterzeichnet hatte. Die nächsten 828 Tests fanden zwar am gleich Ort, aber immerhin unterirdisch statt. 1992 war dank des Teststopp-Memorandums auch damit Schluss. Die Geschehnisse haben deutliche Spuren hinterlassen. Die damals in den Boden gesprengten Krater sind bis heute weithin sichtbar. (Im Bild: Der Yucca Fields genannte Teil der Nevada Test Site, die seit 2010 Nevada National Security Site heisst) Der grösste Krater misst 396 mal 97 Meter. Er entstand 1962 durch eine rund 104 Kilotonnen schwere thermonukleare Detonation. Damals wurden auf einen Schlag gut zwölf Millionen Tonnen Erde verdrängt. (Im Bild: Der Krater heute. Er kann im Rahmen von geführten Touren besichtigt werden)

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Las Vegas war einst nicht nur wegen der Mafia ein gefährlicher Ort. Zwischen 1951 und 1962 wurden hier nämlich Besucher wie Einheimische einer unsichtbaren Gefahr ausgesetzt: radioaktiver Strahlung. Sie wurde bei über 100 überirdischen Atombombentests freigesetzt.

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Dass das schwerwiegende und in vielen Fällen tödliche Folgen haben würde, ahnte damals niemand. Stattdessen glaubte man, was die Zeichentrick-Schildkröte Bert the Turtle (siehe Video unten) Schulkindern empfahl: «Duck and Cover» – im Fall des Falles sollte man sich einfach unter einen Schreibtisch kauern. Das reiche.

Einst wertlos, jetzt wichtig fürs Vaterland

Die Bomben wurden damals rund 100 Kilometer nördlich von Las Vegas gezündet. Dort war im Auftrag von Präsident Harry S. Truman die Nevada Test Site (seit 2010 Nevada National Security Site) errichtet worden, ein rund 3500 Quadratmeter grosses und hermetisch abgeriegeltes Sperrgebiet.

Nevadas Verantwortliche zeigten sich damals hocherfreut. Wie Spiegel.de schreibt, gab Gouverneur Charles Russell stolz bekannt, «das wertlose Terrain sei nun endlich einem guten Zweck zugeführt – nämlich der Verteidigung des Vaterlands». Schliesslich herrschte damals der Kalte Krieg.


In «Duck and Cover» (1951) zeigt Bert the Turtle, wie man sich vor 10-Megatonnen-Bomben schützen kann. (Video: Archer Productions, Inc.)

Atombomben als Verkaufsargument

Auch für die Entwicklung von Las Vegas erwies sich Trumans Entscheidung als gut. Denn nicht nur die Bewohner der Wüstenstadt wollten dem Spektakel – den Atompilz mit eigenen Augen sehen und die Druckwelle spüren – beiwohnen, sondern auch Touristen.

Entsprechend reagierte die Stadt (siehe Bildstrecke): Hotels boten auf die Atomtest-Termine zugeschnittene Pauschalarrangements an, Restaurants servierten Atomic Cocktails und Atom-Burger. In den Läden gab es spezielle Atombomben-Ausverkäufe mit wahlweise «nuked» (plattgemachten), «vaporized» (verdampften) oder «blasted» (gesprengten) Preisen.

Kurz: Die Verantwortlichen fuhren alles auf, was ihnen in den Sinn kam – sogar Misswahlen. Neben der Miss Atomic Blast wurden unter anderem eine Miss A-Bomb, eine Miss Cue und eine Miss Big Bang gekürt. Selbst die Stadt trug den Spitznamen Atomic City.


Es gab nichts, was es nichts gab – Hauptsache, es hatte mit Atombomben zu tun. (Video: ClarkCountyNV)

Die Party ist zu Ende

Mit alldem war 1963 aber Schluss, nachdem Präsident John F. Kennedy den Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser – kurz: das Moskauer Atomteststoppabkommen – unterzeichnet hatte. Die nächsten 828 Tests fanden zwar am gleich Ort, aber unterirdisch statt. 1992 war dank des Teststopp-Memorandums auch damit Schluss.

Doch die strahlendste Phase von Las Vegas hat deutliche Spuren hinterlassen. So im Wüstensand. Die damals in den Boden gesprengten Krater sind bis heute weithin sichtbar. Der grösste misst 396 mal 97 Meter. Er entstand 1962 durch eine rund 104 Kilotonnen schwere thermonukleare Detonation. Damals wurden auf einen Schlag gut zwölf Millionen Tonnen Erde verdrängt.

Aber auch für die Menschen, die dem Fallout der überirdisch gezündeten Atombomben ausgesetzt waren, hatten die Tests Folgen: Viele Soldaten, Anwohner und Touristen erkrankten an Leukämie. Wie viele Personen genau von den Tests in Mitleidenschaft gezogen wurden, ist unbekannt. Aber es dürften mehrere Tausend gewesen sein.


Einer der Atombomben-Bodentests in Nevada fand 1958 im Rahmen der Operation Hardtack-2 – Rushmore 60528 statt. (Video: Youtube/Lawrence Livermore National Laboratory)

Prominente Opfer

Auch die Crew des John-Wayne-Streifens «The Conqueror» wurde Opfer der Radioaktivität: Ohne zu wissen, welcher Gefahr sie sich aussetzte, drehte sie 1956 einige Zeit auf dem Gelände. 30 Jahre später waren 91 Mitglieder des 220-köpfigen Filmteams an Krebs erkrankt, schon 1981 waren bereits 46 der Beteiligten an Krebs gestorben. Dazu gehörte auch John Wayne.

Die US-Regierung legte später ein Programm zur Unterstützung der Betroffenen auf. Soldaten erhielten 75'000, Zivilisten 50'000 Dollar.


Die Crew von «The Conqueror» (1956) wusste nicht, welcher Gefahr sie sich beim Dreh aussetzte. (Video: Youtube/bswiders)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • L. Eser am 13.03.2018 21:05 Report Diesen Beitrag melden

    mehr davon und weniger c promi trash

    Sehr gut geschriebener und Lesenserter Artikel. Bitte mehr davon. Danke Frau Riebeling .

  • LexyL am 13.03.2018 21:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krass

    Ein sehr interesanter Bericht! Habe noch nie zuvor davon gehört, war sehr spannend die zu lesen.

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  • Rick Sanchez am 13.03.2018 21:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Unwissende

    Ob wir in 60 Jahren das selbe über Handy und W-Lan Strahlung sagen...?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bobby Singer am 14.03.2018 17:52 Report Diesen Beitrag melden

    Hätte Hätte Fahrradkette

    Na ja, hätte man damals über die Halbzeitwerte des Fallouts Bescheid gewusst, hätte so mancher gezögert eine Testbombe zu zünden.

  • F.M.Luder am 14.03.2018 15:48 Report Diesen Beitrag melden

    Und Uranmunition ?

    Was kommt also auf Soldaten zu, die zum Beispiel in Afghanistan im Einsatz waren, wo diese Munition im Krieg bis heute eingesetzt wird besonders aber auf die Zivilbevölkerung in diesen Einsatzländern wie Kosovo, Somalia, Irak, Libyen und Syrien?

  • Peter K. am 14.03.2018 11:26 Report Diesen Beitrag melden

    Auch in der Schweiz wurde 'gebastelt'

    Guter Artikel. Man darf aber hier vielleicht auch mal wieder daran erinnern, was die Geschichtsbücher peinlichst verschweigen, dass auch die Schweiz an der Atombombe 'bastelte' und dabei in einem Forschungsreaktor einen Atomumfall (sog. Melt Down) baute, der zu den fünf schlimmsten der Welt gehört.

    • Allyn am 14.03.2018 17:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Peter K.

      Welcher Reaktor war das? Ich kenne nur den in Lucens aber da konnten in den umliegenden Dörfer keine unzulässige oder tödliche Strahlung gemessen werden dazu war er als INES 4 klassifiziert. Fukushima und Tschernobyl gehören zu den INES 7,Majak und Simi Valley sind Klasse 6. Chalk River,Windscale,Tokaimura und Wladiwostok sind INES 5 klassifiziert das heisst das Lucens nach der INES-Skala zu den harmloseren Unfällen gehört und niemals zu den fünf schwersten. Oder reden wir von zwei unterschiedlichen Reaktoren was die Schweiz betrifft kenne ich mich da wenig aus.

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  • Thomas am 14.03.2018 11:09 Report Diesen Beitrag melden

    Wo sind die Superkräfte???

    Gemäss Marvel müssten diese Leute doch nun alle Superhelden sein, wenn sie der Radioaktivität ausgesetzt waren.

  • t.t. am 14.03.2018 09:59 Report Diesen Beitrag melden

    Doku Empfehlung zu diesem Thema

    Super Beitrag! Ich kann zu diesem Thema die Dokumentation "Thorium - Atomkraft ohne Risiko?" wärmstens Empfehlen. In meinen Augen die beste Dokumentation über Atomkraft die ich bis jetzt gesehen habe. Auch dieses Thema wird in der Doku behandelt. Zu finden ist die Doku auf Netflix oder wahrscheinlich auch auf YouTube :)