Brennende Nordsee

06. Juli 2018 16:51; Akt: 06.07.2018 16:51 Print

Vor 30 Jahren explodierte die Piper Alpha

Die Piper Alpha war eine Bohrinsel in der Nordsee. Am 6. Juli 1988 kam es zur Katastrophe, bei der 167 Menschen starben.

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Die Ölbohrplattform Piper Alpha in der Nordsee nahm ihren Dienst 1976 auf, nachdem drei Jahre zuvor das Piper-Ölfeld entdeckt worden war. Sie stand rund 190 Kilometer östlich der nordschottischen Küste. (Im Bild: die Piper Alpha vor der Katastrophe) 1980 wurde die Plattform so erweitert, dass sie auch Gas fördern und dieses durch eine 206 Kilometer lange Pipeline bis zu den Orkney-Inseln weiterleiten konnte. (Im Bild: die Piper Alpha vor der Katastrophe) Am 6. Juli 1988 wurde einer von zwei Kompressoren gewartet, die das Gas für den Pipeline-Transport verdichteten. Da die Arbeiten bis 18 Uhr nicht fertig wurden, wurde der Kompressor A nur notdürftig verschlossen. (Im Bild: die Piper Alpha im Moment der Explosion, links) Zehn Minuten nachdem Kompressor B um 21.45 Uhr ausfiel, wurde auf Kompressor A umgeschaltet, weil über die Wartungsarbeiten nicht ausreichend informiert worden war. Die Verschlussplatte löste sich innert kurzer Zeit, Gas strömte mit Hochdruck aus und explodierte. Der Kontrollraum, der neben dem Raum mit den Kompressoren lag und das Herzstück für den Katastrophenfall war, musste um 22.04 Uhr aufgegeben werden. Das automatische Löschsystem, das Wasser aus dem Meer saugen sollte, war wegen eines Tauchereinsatzes vor der Plattform auf Handbetrieb umgestellt worden, damit die Taucher nicht aus Versehen eingesaugt wurden. Das Feuer verhinderte die Inbetriebnahme des Löschsystems und eine Flucht der Arbeiter, die sich stattdessen in einem feuerfesten Raum sammelten. Der Raum lag direkt unter dem Helikopter-Deck, doch Winde bliesen Rauch und Feuer dorthin, sodass kein Retter landen konnte. (Im Bild: Der Block, in dem sich der Schutzraum befand, wurde 101 Tage nach der Explosion aus der Nordsee geborgen.) Fatal war, dass Piper Alpha mit anderen Öl- und Gasbohrplattformen verbunden war, die ihre Produkte weiterhin in die Feuerhölle pumpten. Gummimatten, die für die Sicherheit der Taucher ausgelegt wurden, machten alles noch schlimmer: Sie verhinderten, dass das brennende Öl ins Meer tropfte. Die lodernden Pfützen entzündeten um 22.20 Uhr grosse Leitungen: 15 bis 30 Tonnen Gas verbrannten – pro Sekunde. Die erste Stichflamme war 150 Meter hoch. Ein spezielles Rettungsboot erwies sich als nutzlos: Die Tharos hatte zwar einen ausfahrbaren Steg, doch der brauchte eine Stunde, um in ganzer Länge auszufahren. Auch die Wasserkanonen konnten nur beschränkt genutzt werden, weil ihr Strahl derart stark war, dass er bei Kontakt für Menschen tödlich gewesen wäre. (Im Bild: Feuer-Fachmann Paul Neal «Red» Adair auf der Tharos) Als um 22.50 Uhr eine zweite Gasleitung explodierte, begann die Plattform langsam zu schmelzen und die Tharos musste sich wegen der enormen Hitze zurückziehen. Erst jetzt stellten anderen Plattformen die Öl- und Gaszufuhr ein. Um 23.50 Uhr sackte der Versorgungsblock der Bohrinsel ins Meer. Die Piper Alpha brannte noch drei Wochen lang. Erst dann gelang es «Red» Adair, das Feuer zu löschen – indem er Zement in die Bohrlöcher pumpte, während er laut BBC gleichzeitig mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 130 Stundenkilometern und Wellen von über 20 Metern Höhe kämpfen musste. (Im Bild: Adair bei einer Inspektion am 12. Juli 1988) Insgesamt fanden auf Piper Alpha 159 Menschen den Tod. Auch auf dem Rettungsboot Sandhaven starben zwei Retter und sechs Ölarbeiter, als um 22.20 Uhr die erste Gaspipeline explodierte. (Im Bild: das Denkmal für die Opfer im Hazlehead Park in Aberdeen) Insgesamt forderte die Katastrophe in der Nordsee 167 Tote, jedoch konnten rund 30 Leichen nicht geborgen werden. (Im Bild: das Piper-Alpha-Fenster in der Ferryhill Church in Aberdeen) Laut dem «British Journal of Psychiatry» überlebten 59 Arbeiter den Unfall vor allem deshalb, weil sie entgegen den Anordnungen 30 Meter tief ins Wasser sprangen. Das Unglück soll die Besitzer Occidental Petroleum (78 Prozent) und Texaco (22 Prozent) rund 3,4 Milliarden Dollar gekostet haben. Bis zum Tag der Katastrophe hatte Piper Alpha etwa zehn Prozent allen Öls und Gases aus der Nordsee gefördert. Eine eingesetzte Untersuchungskommission kritisierte zwar den Betreiber Occidental Petroleum 1990 für nachlässige Arbeits- und Sicherheitsvorschriften, doch kein Mitarbeiter musste sich deshalb vor Gericht verantworten.

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Eigentlich galt die Bohrinsel Piper Alpha der Unternehmen Occidental Petroleum und Texaco als weitgehend sicher. So wurde bei der Installation im Meer nordöstlich von Schottland im Jahr 1976 darauf geachtet, dass sensible Bereiche und die Mannschaftsquartiere möglichst weit entfernt von möglichen Gefahrenquellen lagen.

Doch nur vier Jahre später wurden die Sicherheitsvorschriften gelockert – weil die ursprünglich als reine Ölplattform konstruierte Piper Alpha für die Gasförderung erweitert wurde.

Eine fatale Entscheidung, denn damit kam etwa der Raum mit den Kompressoren, die das flüchtige Brennmittel für den Pipeline-Transport verdichten, genau neben den Kontrollraum zu liegen, in dem alle Fäden zusammenliefen. Zudem war die Plattform mit zwei Pendants namens Claymore und Tartan verbunden: Von Piper Alpha führte eine 206 Kilometer lange Leitung zu den westlich gelegenen Orkney-Inseln, wo Öl und Gas eingelagert werden.

Wenn eine Hand nicht weiss, was die andere tut

Am 6. Juli 1988 führten Techniker routinemässige Wartungsarbeiten am Überdruckventil eines der beiden Kompressoren durch, die bis Dienstschluss um 18 Uhr aber nicht abgeschlossen wurden. Das Loch wurde behelfsmässig mit einer Stahlplatte abgedeckt. Der ausführende Ingenieur gab Weisung, Kompressor A dürfe deshalb nicht benutzt werden. Weil der Aufseher der Nachtschicht gerade beschäftigt war, schrieb der Ingenieur aber nur eine Notiz, die er in den Kontrollraum gebracht haben will.

Als Kompressor B um 21.45 Uhr ausfiel und die Stromversorgung zusammenzubrechen drohte, wurde auf Kompressor A umgeschaltet. Eine Weisung sei nirgendwo zu finden gewesen – die Katastrophe nahm ihren Lauf. Unter Hochdruck strömte Gas in den Kompressor und blies die Stahlplatte mühelos beiseite. Zwar wurde sofort Gasalarm ausgelöst, doch die Masse des Brennstoffs war so gross, dass sich das Gas umgehend entzündete.

Panik, Pech und Pannen

Die für Ölbrände ausgelegten Brandschutzwände barsten unter der Explosion. Zu allem Unglück war auch das automatische Löschsystem abgestellt, das grosse Mengen Meerwasser eingesogen und auf der Plattform verteilt hätte. Der Grund: Es waren Taucher im Meer, die hätten eingesogen werden können, deshalb wollte man grundsätzlich auf das manuelle Löschsystem umstellen. Die Gasfackel machte es der Crew jedoch unmöglich, das manuelle System auszulösen.

Als wäre das nicht genug, lagen auch noch Gummimatten auf der Plattform herum, welche die Taucher vor scharfem Stahl schützen sollten. Entflammtes Öl, das unter anderen Umständen durch Gitter ins Meer gelaufen wäre, wurde so zu einer Flammenpfütze, die um 22.50 Uhr eine weitere Gasleitung in Brand setzte. Die Arbeiter der Bohrinseln Claymore und Tartan drehten erst jetzt die Leitungen zu. Sie hatten zuvor auf Befehle der Chefetage gewartet, weil das Abschalten und Wiederhochfahren der Förderanlagen ein langwieriger und kostspieliger Prozess war.

Wer den Anordnungen nicht folgte, überlebte

Die meisten Arbeiter flohen zu einem Sammelpunkt unter dem Helikopter-Deck, doch aus der Luft war wegen des Rauchs und der Hitze keine Rettung möglich. Einige mutige Männer sprangen 30 Meter tief ins Wasser, was gegen die Vorschriften verstiess, ihnen aber das Leben rettete. Ihre Kollegen versanken um 23.50 Uhr mit drei von vier Modulen im Meer, wobei die meisten infolge von Rauchvergiftung starben.

Ein spezielles Rettungsboot erwies sich als nutzlos: Die Tharos hatte zwar einen ausfahrbaren Steg, doch der brauchte eine Stunde, um in ganzer Länge auszufahren. Auch ihre Wasserkanonen konnten nur beschränkt genutzt werden, weil sie derart stark waren, dass sie Menschen bei Beschuss getötet hätten. Als um 22.50 Uhr die zweite Gasleitung hochging, musste sich das Rettungsschiff zurückziehen, weil überall der Stahl zu schmelzen begann.

Bis Feuer-Fachmann Paul Neal Adair, besser bekannt als Red Adair, aus den USA den Brand löschen konnte, vergingen drei Wochen. Die Sicherheitsvorkehrungen auf Nordsee-Bohrinseln wurden darauf hin drastisch verschärft. Der Preis dafür war jedoch hoch: Auf der Piper Alpha starben 167 Menschen.


Weitere Hintergründe der Katastrophe zeigt dieser Clip. (Video: Youtube/Smithsonian Channel)

Dieser Artikel ist 2012 zum ersten Mal und in veränderter Form erschienen.

(phi/fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Leser am 06.07.2018 18:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Interessant

    Interessanter Artikel, traurige Tragödie.

    einklappen einklappen
  • Roman am 06.07.2018 19:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toll

    Sehr informativer Artikel. Bitte macht weiter so. Solche Artikel interessieren sicher mehr Leute, als Infos und Videos von Leserreporter.

  • Mani Motz am 06.07.2018 19:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    danke

    guter und informativer Bericht.

Die neusten Leser-Kommentare

  • ELSI Kälin am 06.07.2018 21:01 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht interessant

    Warum schreibt ihr über Sachen die vor 30!! Jahren geschehen sind. Bringt lieber mal wieder etwas von Sven Epiney.

  • susi am 06.07.2018 20:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umwelt

    und wieviel Liter sind ins Meer gelaufen, die Meeresfauna und Lebewesen vernichtet, vergiftet? Da steht leider nicht im Bericht.

  • Fred am 06.07.2018 19:59 Report Diesen Beitrag melden

    Lehrfilm

    Als ich vor 20 Jahren noch in der Ölbranche offshore gearbeitet habe war dieser Film Teil der jährlichen Ausbildungswiederholung. Sehr interessant. Explodierte durch eine Verkettung fataler Umstände und schlechter Kommunikation, die einzigsten Überlebenden sprangen 50 ins Meer.

  • Roman am 06.07.2018 19:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toll

    Sehr informativer Artikel. Bitte macht weiter so. Solche Artikel interessieren sicher mehr Leute, als Infos und Videos von Leserreporter.

  • Kevin lavara am 06.07.2018 19:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fortschritt hä

    30 Jahre und immer noch nicht weiter aber Hauptsache die Umlaufbahn wird sauber!