Studie

19. April 2018 16:14; Akt: 19.04.2018 16:14 Print

Autismus-Arzt Asperger kollaborierte mit den Nazis

Der österreichische Kinderarzt und Heilpädagoge Hans Asperger soll die systematischen Morde der Nazis an behinderten Kindern unterstützt haben.

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Lange Zeit galt Hans Asperger (1906–1980), nach dem das Asperger-Syndrom (siehe Box) benannt worden ist, als Held auf dem Gebiet der Autismusforschung und -behandlung. Er selbst hatte erklärt, dass er Probleme mit der Gestapo gehabt habe, weil er damals seine kleinen Patienten nicht habe ausliefern wollen. Doch nun wirft eine Studie von Herwig Czech von der Medizinischen Universität Wien ein neues Licht auf den Kinderarzt.

Demnach soll Asperger nicht nur mit den Nazis zusammengearbeitet haben, sondern aktiv zu deren Programm der Rassenhygiene beigetragen haben. In der im Fachjournal «Molecular Autism» veröffentlichten Studie heisst es, dass Asperger schwer behinderte Kinder an die Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund in Wien übergeben habe, obwohl ihm bewusst gewesen sei, was dort mit den Kindern geschehen würde. In dieser Einrichtung wurden an kranken und behinderten Kindern und Jugendlichen grausame medizinische Versuche vorgenommen. Mindestens 789 von ihnen wurden ermordet.

Neu entdeckte Dokumente

Asperger war auch Mitglied mehrerer den Nazis naher Organisationen, wenn auch nicht der NSDAP. «Asperger gelang es, sich mit dem Nazi-Regime zu arrangieren. Er erhielt im Gegenzug für seine Loyalitätsbekundungen berufliche Aufstiegsmöglichkeiten», schreibt Czech in seiner Studie. Seine Erkenntnisse stützt Czech auf neu entdeckte Dokumente aus staatlichen Archiven, darunter Aspergers persönliche Schriften und Patientenakten.

Czech fand auch heraus, dass der Kinderarzt öffentlich die nationalsozialistische Rassenhygiene unterstützte. So heisst es in einem Dokument des Gaupersonalamts Wien: «In Fragen der Rassen- und Sterilisierungsgesetzgebung geht er mit den nat.soz. Ideen konform.» In einem parallel zur Studie in «Molecular Autism» erschienen Leitartikel schreiben Experten der Universität Cambridge, dass Asperger bereitwillig ein Zahnrad in der Nazi-Mordmaschine geworden sei.

Asperger war der erste, der Kinder mit besonderen psychologischen Merkmalen als «autistische Psychopathen» bezeichnete. 1944 veröffentlichte Asperger seine Studie auf dem Gebiet. Die auf Deutsch verfasste Schrift blieb lange Zeit unbeachtet. Erst durch die Arbeit der britischen Psychologin Lorna Wing in den 1980er-Jahren wurden seine Erkenntnisse von der internationalen Forschungsgemeinschaft wahrgenommen. Wing war es auch, die diesen Teilbereich des Autismusspektrums nach Hans Asperger benannte.

(jcg)