Geschwärzte Passagen

16. Mai 2018 16:22; Akt: 16.05.2018 16:22 Print

Anne Franks schmutzige Witze entdeckt

Wer Anne Franks Tagebuch gelesen hat, glaubt, sie ganz gut zu kennen. Doch erst jetzt entzifferte Texte zeigen eine ganz neue Facette ihres Charakters.

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Das Tagebuch der Anne Frank ist weltbekannt – mit Ausnahme von zwei mit Packpapier überklebten Seiten. Diese wurden nun mittels digitaler Fototechnik erstmals lesbar gemacht, wie die Amsterdamer Anne-Frank-Stiftung bekannt gab. Sie enthalten «schmutzige Witze», wie Anne Frank einst selbst schrieb, und eine Passage über Sexualität. Die entzifferten Passagen zeigen laut den Verantwortlichen, dass Anne Frank ein ganz normales Mädchen in der Pubertät gewesen sei. Allerdings verrate ihr Stil einiges über ihr Vorhaben, Schriftstellerin zu werden. Annelies Marie Frank, wie sie mit vollem Namen hiess, war am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main zur Welt gekommen. Nach der Machtergreifung der Nazis zog sie im Februar 1934 mit ihrer Familie nach Amsterdam. Nachdem die Nazis im Mai 1940 auch die Niederlande besetzt hatten, wurde das Leben der jüdischen Exilanten immer schwerer. Anne schrieb Tagebuch und hielt so ... ... ab 1942 eindrücklich fest, wie das Leben der Familie voller Angst aussah. Anne mit ihrer Jugendfreundin Hannah Goslar, deren Erinnerungen an die Frank-Familie 1998 ebenfalls in einem Buch festgehalten wurden. Annes Schwester Margot (links) war drei Jahre älter. Anne und Margot Frank. Ab Juli 1942 versteckt sich die Familie vor den Nazis. Sie täuscht eine Flucht zu Verwandten in Basel vor. Das Bild stammt aus dem Film «The Attic» («Mein Leben mit Anne Frank», 1988), der das Schicksal der Franks aus der Perspektive der Helferin Miep Gries erzählt. Im Hinterhaus dieser Liegenschaft an der Prinsengracht 263 hatte Otto Frank ein Versteck vorbereitet, in dem die Familie untertauchte. Auch im Versteck führte Anne ihr geliebtes Tagebuch weiter. Sie las viel und verfeinerte ihren Stil. Neben das Bild schrieb Anne Frank am 10. Oktober 1942 auf Niederländisch: «So wie auf diesem Foto wünschte ich immer auszusehen. Dann hätte ich vielleicht eine Chance, nach Hollywood zu kommen.» Doch am 4. August 1944 wurde die Familie verraten und von der Gestapo verhaftet. Annes Tagebuch wurde von Miep Gies, einer Helferin, aufbewahrt. Die Mitglieder der Familie wurden in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Bis zum Kriegsende starben fast alle; Vater Otto überlebte als Einziger. Anne Frank starb im März 1945 im KZ Bergen-Belsen an Typhus. Otto Frank veröffentlichte nach dem Krieg das Tagebuch seiner Tochter – es machte Anne Frank zur Symbolfigur für die Opfer der Judenvernichtung der Nazis.

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Mehr als 70 Jahre nach der Veröffentlichung von Anne Franks Tagebuch sind bislang unlesbare Textstellen entziffert worden. Das teilt die Amsterdamer Anne-Frank-Stiftung mit.

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Das jüdische Mädchen hatte die bis dato nicht lesbaren Seiten selbst verklebt. Nun haben sie Forscher um Peter de Bruin vom Huygens Institut für die Geschichte der Niederlande und dem Niod Institut für Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien mittels digitaler Fototechnik lesbar gemacht (siehe Bildstrecke).

Unanständige Witze

Auf den überklebten Seiten 78 und 79 hatte die damals 13-Jährige am 28. September 1942 – wie sie selbst schrieb – eine Passage über Sexualität und vier «schmutzige» Witze notiert, vieles davon sogenannte Kriegsklassiker, wie de Bruin sagt.

Einer davon lautet beispielsweise: «Wissen Sie, wozu die deutschen Wehrmachtsmädchen in den Niederlanden sind? Als Matratzen für die Soldaten.» Womöglich hatte Frank sie im Radio oder von ihrem Vater Otto gehört, so die Wissenschaftler.

Scham und Angst

«Die Texte sagen uns nicht wirklich etwas Neues über Anne Frank», erklärt Ronald Leopold, Direktor der Anne-Frank-Stiftung, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur APA. Sie sei einfach ein Mädchen in der Pubertät gewesen. Das zeigten auch andere Stellen im Tagebuch, an denen sie über Sexualität schrieb. Allerdings verrate ihr Stil einiges über ihr Vorhaben, Schriftstellerin zu werden.

Schon damals hätte sie vorgehabt, einen Roman mit dem Titel «Das Hinterhaus» zu schreiben, so die Forscher. Das Tagebuch sollte die Basis sein. Deshalb habe sie nach dem Schreiben auch alle Texte noch einmal redigiert und viele Passagen neu geschrieben.

Die nun entzifferten Seiten klebte sie vermutlich selbst zu, weil sie sich schämte, vermutet Leopold. «Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass jemand sie lesen könnte.»

Normales Mädchen in unnormalen Zeiten

Die Textpassagen beleuchten auch den schrillen Kontrast zur grossen Bedrohung im Hinterhaus an der Prinsengracht und machen den unmenschlichen Terror bis heute fühlbar. Im Hinterhaus lebte die in Frankfurt am Main geborene Anne mit ihrer Familie im Versteck vor den deutschen Nationalsozialisten.

Im August 1944 wurde die Familie verraten und deportiert. Anne starb 1945 im Alter von 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nur ihr Vater Otto Frank überlebte. Helfer hatten Annes Tagebücher gerettet und sie Otto nach dem Krieg übergeben. 1947 veröffentlichte er Annes Texte erstmals.

Originalseiten bleiben verklebt

Die Anne-Frank-Stiftung habe lange daran gezweifelt, ob sie die überklebten Passagen überhaupt veröffentlichen soll. «Anne Frank ist weltweit eine Ikone geworden», sagt Leopold. «Ihr Tagebuch gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Wir fanden, dass alle Texte dokumentiert werden mussten.»

In der neuen, für 2019 geplanten wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebücher sollen die Texte aufgenommen werden. Doch im alten, rotkarierten Büchlein bleiben die Seiten 78 und 79 mit dem dicken braunen Packpapier verklebt – genau so, wie Anne es selbst wollte.

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • m.odi am 16.05.2018 17:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lasst es so..

    Lasst die Seiten wie sie sind. Anne wollte dies so. Respektiert diese Tat. Danke

  • CptMcROFLcopter am 16.05.2018 17:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Respektlos

    Sie hat es absichtlich unleserlich machen wollen, diesen Wunsch sollte man respektieren.

    einklappen einklappen
  • Fanny am 16.05.2018 16:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anne

    Lässt Anne Frank in Ruhe Frieden .Sie könnte und kann leider heute nichts mehr dazu sagen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Michele am 17.05.2018 13:19 Report Diesen Beitrag melden

    Doppelmoral

    Was ist eigentlich mit dem Holocaust von Stalin an 7 Mio Ukrainer? Churchills Rheinwiesenlager? Geht das auch schon als Verbrechen durch oder brauchts hierfür erst die Siegermacht?

  • SO SIEHTS AUS am 17.05.2018 10:47 Report Diesen Beitrag melden

    Take it easy

    Keiner weiss, ob sie selber die Seiten verklebt hat. Also hört auf mit dem Jammern. Es spielt doch keine Rolle, denn nichts, rein gar nichts kann ändern, was mit diesem Mädchen passierte oder wie sie sich gefühlt haben musste. Ich persönlich finde es sehr gut, dass diese Seiten lesbar gemacht wurden. Es kam von ihr und nur das zählt. Also keine Moralapostel. Sie war, ist und bleibt ein Mädchen in unseren Herzen und zeigt auf, dass es Staaten in Europa gibt, die die Menschen verknechten und versklaven. Der heutige Molloch heisst Merkel und EU. Ihr werdet es schon noch sehen.

  • we love Amsterdam am 17.05.2018 09:21 Report Diesen Beitrag melden

    Sein lassen

    Hätte ich auch nicht von der Bettkante gstossen. Lasst die Seiten so wie sie sind. Wir müssen nicht alles wissen.

  • Leser am 17.05.2018 08:55 Report Diesen Beitrag melden

    das macht sie menschlicher

    Anna Frank muss keine Heiligenikone sein, um ihr tragisches Schiksal beklagen zu können. Im Gegenteil, je menschlicher sie wirkt, desdo unmenschlicher und unbegreiflicher empfindet man die Hexenjagd jener Zeit.

  • Marko am 17.05.2018 07:11 Report Diesen Beitrag melden

    Fragen über Fragen

    Gemäss diversen Untersuchungen wurden die Seiten in den 50er geschrieben. Aber sowas zu hinterfragen ist natürlich nicht korrekt. Der Sieger schreibt die Geschichte, wissen wir ja alle.