Krebsrätsel gelöst

08. März 2018 10:10; Akt: 08.03.2018 10:10 Print

Darum ist Asbest so tödlich

Menschen können noch Jahrzehnte nachdem sie Asbest ausgesetzt waren, daran sterben. Schweizer Forscher haben jetzt herausgefunden, warum.

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Was genau richten Asbestfasern eigentlich im Körper an? Das war bislang nicht bekannt. Diese Wissenslücke haben Forscher um Emanuela Felley-Bosco vom Universitätsspital Zürich nun geschlossen, wie sie im Fachjournal «Oncogene» berichten.

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Entgegen der landläufigen Meinung löst Asbest nicht Lungenkrebs aus, sondern gelangt durch die Lunge in eine Zellschicht, die sämtliche inneren Organe umgibt: ins sogenannte Mesothel. Weil das Lymphsystem die langen und spitzen Asbestfasern nicht entfernen kann, bleiben sie dort hängen und verletzen das Gewebe immer wieder aufs Neue.

Wundheilung setzt ein, Tumore entstehen

Dadurch wird eine Immunreaktion ausgelöst: Entzündungssignale werden ausgesandt und weisse Blutkörperchen angelockt. Im entzündeten Mesothel-Gewebe werden Signalstoffe für die Wundheilung aktiviert. Diese regen gleichzeitig aber auch die Zellteilung an und fördern damit die Bildung von Tumoren.

In Tests mit Mäusen stellten die Forscher zudem eine Häufung von Mutationen in der RNA – einer Art Arbeitskopie der DNA – fest. Sie gehen davon aus, dass unter anderem dadurch die Immunreaktion gedämpft wird. Das Resultat: Entstehende Tumorzellen werden nicht mehr konsequent bekämpft und es kann Krebs entstehen.

In anderen Worten: «Die chronische Exposition mit Asbest löst eine Art Wundheilung aus», sagt Felley-Bosco. «Dabei gerät das Immunsystem aus der Balance und bekämpft die entstehenden Tumore nicht mehr stark genug.»

Sehr ähnlich funktioniert dies auch bei Menschen, wie der Schweizerische Nationalfonds (SNF), der die Studie finanziell gefördert hat, mitteilte. In den Tumoren von Patienten mit einem schlechten Krankheitsverlauf war das Enzym, das die RNA mutiert, in grösseren Mengen vorhanden. Dies zeigt eine Analyse einer entsprechenden Gendatenbank.

Hoffnung auch für andere Krebsarten

«Bisher war der von Asbest verursachte Krebs eine Blackbox», wird Felley-Bosco in einer Mitteilung zitiert. Die Resultate seien nützlich, um schon die frühen Signale der Entzündung zu erkennen und eine spezifische Therapie gegen den Mesothel-Krebs zu entwickeln. «Eine Therapie gegen die Hemmer des Immunsystems ist ein vielversprechender Ansatz», so Felley-Bosco.

Die Entdeckungen könnten zudem zum Verständnis anderer Krebsarten beitragen, die durch chronische Entzündungen wie Colitis ulcerosa, Morbus Crohn und Infektionen mit dem Magenkeim Helicobacter pylori verursacht werden können.

An der Studie waren die Universitätsspitäler Zürich, Genf und Toronto (Kanada) sowie die Universität Freiburg und die ETH Zürich beteiligt.

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mani Motz am 08.03.2018 10:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mehr davon

    Spannender und aufschlussreicher Bericht.

  • Der Skeptikus am 08.03.2018 10:40 Report Diesen Beitrag melden

    Schön, interessante Resultate

    - der Begriff "Wundheilung" tönt ja im Zusammenhang mit Asbestverseuchung schon mal gut, aber was nützt das jetzt noch lebenden betroffenen Arbeitern, z.B. die mit Eternit gearbeitet haben? Kümmert sich jemand um diese oder wartet man, bis sie gestorben sind? Sind die Baufirmen und involvierten Betriebe zum Thema Asbest und fachgerechte Asbestentsorgung sensibilisert und unternehmen dann auch das Richtige? In der Schweiz gibt es noch zuhauf Asbest...

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  • Mike am 08.03.2018 11:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Veloständer

    In meiner ehemaligen Schule sind seit den Mitte 80ern, bis Heute Asbest Platten auf dem Veloständer. Ein Haufen Kinder haben schon an diesen Platten herumgehangen und Stücke herausgerissen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Franz H. am 09.03.2018 21:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurige Asbest Krankheit

    Ich hatte eine sehr guten Freund und habe mit ihm das alles erlebt von Anfang bis zu seinem Ende . Eine schreckliche Sache diese Krankheit . Nachdem die Krankheit ausbrach ging es etwa zwei Jahre bis zu seinem Tod . Furchtbar wie er vom Leben gehen musste . Aber diese Leute sind meistens viel stärker als andere . Er hat sein Begräbniss alles selber organisiert . Sein grösster Wunsch das ich wenn es so weit wäre Trompete spiele in der Kirche , habe ihm diesen Wunsch erfüllen können .

  • A. Meier am 09.03.2018 20:32 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts neues

    Über diese Theorie habe ich schon vor etwa 14 Jahren gelesen

  • Stromer am 08.03.2018 21:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    AHV entlastet

    Darum verstehe ich das grosse tamtam Betreff AHV nicht. Sämtliche Handwerker welche in den 70 bis 90er auf Baustellen arbeiteten und nun ins Pensionsalter kommen werden mit grosser Wahrscheinlichkeit das Durchnittalter nicht erreichen. Von da her wird die AHV entlastet. Gehöre als Elektriker übrigens auch zu denen die ohne Schutz mit Eternit hantierte.

    • Pius am 08.03.2018 21:37 Report Diesen Beitrag melden

      Bin auch betroffen

      Da bist du nicht alleine. Ging mir genau so und nicht wenig damit gearbeitet. Also geniessen wir jeden Tag.

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  • Apparateglasbläser am 08.03.2018 19:40 Report Diesen Beitrag melden

    Diagnose oft tödlicher wie Asbest

    Berufsbedingt hatte ich mit dem Material zu tun, lange bevor es verteufelt wurde. Asbest hatte hervorragende Eigenschaften. Hitzebeständig, Verschleissresistent, vielseitig. Ich mochte es! Vor etwa 25 Jahren begann meine Lunge zu rebellieren. Ein Naturarzt den man heute wohl als Aluhutträger beschimpfen würde gab mir den Rat, die Entzündung mit Kolloidalem Silber zu bekämpfen. Ein Arzt gab mir den Rat, mich auf das Schlimmste vorzubereiten. Habe mich für das Silber entschieden. Meine Lunge ist nicht mehr die beste, gebe ich zu, aber ich lebe noch. Asbest ist schlimm, Angst ist schlimmer.

  • Usw. am 08.03.2018 18:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Usw.

    Was ist jetzt neu ? Das stand schon vor 10 Jahren in meinen Lehrbüchern?! Soweit ich mich erinnern kann