Wunden im Hirn

04. August 2014 14:51; Akt: 04.08.2014 14:51 Print

Der Krieg machte aus Soldaten zitternde Wracks

Elektroschocks, Eiswassergüsse und Isolation: Mit diesen Methoden versuchten Ärzte während und nach dem Ersten Weltkrieg, die sogenannten Kriegszitterer zur Vernunft zu bringen.

Die Symptome der Kriegsheimkehrer waren vielfältig. (Video: Youtube/WarArchives)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Zurück vom Horror der Schützengräben standen im Ersten Weltkrieg viele Soldaten wie von schweren Schüttelfrösten gebeutelt vor ihren Ärzten. Ihre Bewegungen waren unkontrolliert und sie konnten sich kaum mehr selbst auf den Beinen halten. Auch essen wollten die sogenannten Kriegszitterer nicht mehr. Sie hatten Angst vor den banalsten Gegenständen wie Mützen oder Schuhen. Aus den einst stolzen Männern waren zum Teil stumme Wracks geworden.

Obwohl einigen der Schrecken des Erlebten wortwörtlich ins Gesicht geschrieben stand, wurden sie von vielen Medizinern als Drückeberger abgestempelt und dementsprechend behandelt. Doch statt nach den Ursachen zu forschen, versuchten die Ärzte, die vermeintlichen Verweigerer zu disziplinieren — mit aus heutiger Sicht barbarischen Methoden: Folgte der kranke Soldat den Kommandos des Mediziners nicht, drohten Stromstösse (Kaufmann-Kur), Eiswassergüsse oder Tage in der Isolation.

Die Verstummten versuchte man gar mit Hilfe der sogenannten Muck’schen Kehlkopftherapie beizukommen. Dabei wurde den Betroffenen eine metallische Kugel in den Kehlkopf eingeführt. Man hoffte, sie so zum Reden zu bewegen.

Perverse Motivation

Bei all diesen Massnahmen ging es den Behandelnden jedoch weniger darum, den Soldaten zu helfen. Vielmehr wollte man die Kriegszitterer möglichst rasch wieder fit für die Front machen und Simulanten abschrecken. Auch sollten sogenannte Entschädigungsrenten verhindert werden. So lastete man die Erkrankung nicht dem Kriegseinsatz an, sondern schob sie auf angebliche Charakterfehler der «Psychopathen» oder «Hysteriker».

Dabei waren die Ursachen tatsächlich im Kriegsgeschehen zu suchen. Denn viele der Soldaten kamen aus behüteten Elternhäusern in mittleren oder oberen Schichten und waren auf die Realität in den Schützengräben schlicht nicht vorbereitet. So liess das Ausharren in den Gräben, das Feuer der Granaten, der ohrenbetäubende Lärm, das massenhafte Sterben der Kameraden und die ständige Lebensgefahr viele von ihnen psychisch zusammenbrechen. Eine Reaktion, die heute als Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) bezeichnet wird.

Heilung gab es bis auf wenige Fälle praktisch keine, da es zu dieser Zeit noch keinerlei Therapien für derartige Störungen gab. Die Opfer waren meist für den Rest ihres Lebens schwerst pflegebedürftig. Heute werden traumatisierte Soldaten nach einem Einsatz psychotherapeutisch behandelt.

Die Alliierten nannten die Krankheit übrigens «Bomb Shell Disease» oder auch «Shell Shock», da sie glaubten, die Druckwellen der Explosionen hätten die Gehirne an die Schädelwände gedrückt und so beschädigt.

Das Jahr 1914 auf «1914Tweets»:

(fee)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • kevin am 04.08.2014 15:09 Report Diesen Beitrag melden

    schrecklich

    es gibt dinge im leben, die so grausam sind, dass der körper und der geist daran zerbricht. es schmerzt mich, solche bilder zu sehen. und doch auch heute, 100 jahre später... hat der mensch noch wenig aus seiner vergangenheit gelernt.

    einklappen einklappen
  • Alex am 04.08.2014 15:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tja

    Das ist Krieg. Es gibt keine Gewinner. diejenigen die den Krieg verursachen sind nie die leidtragenden und müssen an die Front

    einklappen einklappen
  • franz am 04.08.2014 15:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ja ja

    Vor 100 jahren ging man nicht anders mit den Menschen im Krieg um, wie auch heute nicht! Wieso gehen die Männer und Frauen überhaupt an die Front? Die Politiker machen Krieg, also sollen die auch an die Front gehen! Würden alke Soldaten den Befehl verweigern, gäbe es keine Kriege!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Steff am 17.08.2014 01:32 Report Diesen Beitrag melden

    tja ja

    stell dir vor, es ist krieg und keiner geht hin.

  • Make Love Not War am 05.08.2014 15:53 Report Diesen Beitrag melden

    gegen Krieg entscheiden

    sorry, aber wer sich FÜR Krieg entscheidet, ist selbst schuld. Der/die muss damit rechnen, ein psychisches Wrack zu werden. Ich habe mich GEGEN Militärdienst entschieden. Weil ich keinen Krieg mache. Ich würde einfach abhauen - und wenn man mich an der Grenze niederstreckt, dann hab ich auch kein Problem mehr. Hab mir wenigstens weder meine Finger noch meinen Sinn für Ethik schmutzig gemacht.

  • C. Albicans am 05.08.2014 10:35 Report Diesen Beitrag melden

    der dritte Weltkrieg wütet schon länger

    Wenn ich mir überlege, dass der dritte Weltkrieg seit langem in Form von international juristischen Nötigungen (in sich erpressen lassenden Regierungen) und in Form von physischem Krieg (in Ländern, die sich um fremde Gesetze und Nötigungen nicht kümmern) am wüten ist, macht es einen traurig. Da wird via Geheimdienste gemobbt, intrigiert, gehetzt, gelogen, Schuld in die Schuhe geschoben ... und viele haben dies noch nicht erkannt. Leider.

  • Johnny am 05.08.2014 10:24 Report Diesen Beitrag melden

    Johnny zeiht in den Krieg

    Landmine has taken my sight Taken my speech Taken my hearing Taken my arms Taken my legs Taken my soul Left me with life in hell

  • Alekczej am 05.08.2014 10:16 Report Diesen Beitrag melden

    WANN LERNT DER MENSCH

    Krieg ist immer schlecht. Hätte man all das Geld, das bisher in Zerstörung, Verwüstung, Verminung und Hass zu Gunsten einiger weniger ruchloser Kriegsmaterialproduzenten und Rohstoffhändler vergeudet wurde, in nachhaltige Entwicklung investiert, hätte der Mensch anstatt sich anzufeinden und mit Vorurteilen abzulehnen, ZUSAMMEN anstatt gegeneinander gearbeitet, wären wir heute VIEL WEITER entwickelt. Mich deucht aber, dass wir immer noch im dunklen Mittelalter stecken.