Winterthur

10. Juli 2018 12:11; Akt: 10.07.2018 12:11 Print

Extremismus-Stelle behandelte 76 Fälle

Die Winterthurer Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention wird weitergeführt. Das Angebot wird rege genutzt.

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Die Fachstelle ist eine Reaktion auf die Tatsache, dass sich mehrere Personen aus Winterthur dem Islamischen Staat angeschlossen hatten. (Bild: Keystone)

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In die Hölle komme sie, wenn sie islamische Gebote nicht einhalte, sagte eine Schülerin zu ihrer muslimischen Kollegin. Erst kürzlich begann sich die junge Frau zu verschleiern und im Unterricht äusserte sie sich pointiert zum Thema Religion. Ihr Lehrer machte sich Sorgen.

Er war aber unsicher, wie er sich verhalten soll. In dieser Situation wendete er sich an die Winterthurer Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention. Sie gilt in der Schweiz als Vorzeigebeispiel für eine Stelle, die Fachpersonen wie Lehrkräfte und Sozialarbeiter sowie Angehörige in Bezug auf Radikalisierung berät.

Junge Frau sucht ihre Wurzeln

Bei einem Gespräch zwischen dem Lehrer, der Schülerin und den Eltern stellte sich heraus, dass sich die junge Frau auf der Suche nach ihren Wurzeln ernsthaft mit dem Islam auseinandersetzt und in der Ausübung ihrer Religion ernst genommen werden möchte. Anzeichen für eine Radikalisierung lagen nicht vor.

Das ist eine von 76 Beratungen, die die Fachstelle seit Aufnahme der Arbeit im Oktober 2016 bis März 2018 bearbeitet hat. Wie bei der geschilderten Situation lag in 68 Fällen keine Gefährdung vor. Es ging um Verstösse gegen soziale Normen, um Provokationen und um Fragen im Umgang mit religiösen Aktivitäten.

Zwei Fälle mit islamistischem Hintergrund

Bei fünf Beratungen zog die Fachstelle den Gewaltschutz der Polizei hinzu, weil es Anzeichen für Selbst- oder Fremdgefährdung gab. Davon deuteten zwei Fälle auf einen islamistischen Hintergrund hin. Nach genaueren Abklärungen erhärtete sich der Verdacht aber nur in einer Situation.

In einem weiteren Fall wurden Drohungen ausgestossen, die nach einer Einschätzung zusammen mit dem Gewaltschutz auf einen
interpersonellen Konflikt zwischen zwei Arbeitskollegen hinwies. In zwei weiteren Fällen wurden psychisch auffällige Personen mit islamistischen Wahnvorstellungen gemeldet.

Fachstelle wird weitergeführt

Aufgrund der Nachfrage hat der Stadtrat Winterthur entschieden, die Fachstelle beizubehalten. Anlass für die Schaffung der Fachstelle waren der jihadistische Extremismus und die Tatsache, dass sich mehrere Personen aus Winterthur dem Islamischen Staat angeschlossen hatten.

«Die Stelle hat zu einer deutlich spürbaren Entspannung in der Bevölkerung gesorgt», so der Stadtrat in einer Mitteilung. Es brauche eine Stelle, an die sich verunsicherte Personen wenden können, damit ein möglicher Konflikt vor der Eskalation angegangen werden kann.

(tam)