Verschulung

25. September 2017 16:14; Akt: 25.09.2017 16:14 Print

Schon Kindergärtler müssen Vorträge halten

Im zweiten Jahr müssen die Kindergärtler der Schule Untereggen SG eine Präsentation abhalten. Eltern und ein Kinderarzt kritisieren die Verschulung.

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Im Kindergarten in Untereggen SG müssen Kindergärtler im zweiten Jahr bereits einen Vortrag halten. Die Präsentation gehört zu einem Förderkonzept, das schon seit Jahren Bestandteil der Schule ist. Den Kindern soll damit die Scham vor Auftritten genommen werden. Laut Schulleiter Thomas Allmann werden sie so auch selbständiger und hätten überdurchschnittliche Arbeitskompetenzen. Mit dem Modell sei man laut Allmann zudem «topaktuell» auf den neuen Lehrplan eingestellt, weil Kinder übergeordnete Kompetenzen lernten. Kritiker monieren, dass der Kindergarten damit zu sehr verschult werde. Pädagogik-Experten sagen hingegen, es komme darauf an, wie an den Vortrag im Kindergarten herangegangen werde. «Stufengerecht heisst, dass Kindergartenkinder ihren Ausdrucksmöglichkeiten entsprechend auch etwas vorzeigen oder vorspielen können», sagt Evelyne Wannack, Leiterin der Geschäftsstelle für Forschung und Entwicklung der pädagogischen Hochschule Bern. Ähnlich sieht es Bernhard Hauser, Leiter des Masterstudiums Early Childhood Studies an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen: «Wenn der Rahmen stimmt, ist das ein wunderbarer Anlass, um an der Präsentationskompetenz der Kinder zu arbeiten.» Bernhard Hauser findet es aber wichtig, dass schon der Kindergarten verschult wird. «Wenn uns die Chancengleichheit wichtig ist, sollten wir sogar noch mehr Mathematik und Sprache im Kindergarten einführen.» Sonst lasse sich der Unterschied zwischen Kindern aus bildungsfernen Schichten und jenen aus bildungsnahen nicht mehr aufholen.

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Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren interessieren sich oft besonders für ein spezielles Tier, einen Beruf oder einen Sport. In der Schule Untereggen müssen Kindergärtler im zweiten Kindergartenjahr entscheiden, was sie besonders spannend finden und dies dann vor versammelter Elternschaft präsentieren, wie die «Ostschweiz am Sonntag» schreibt.

Eine Mutter fand das «herzig, aber etwas künstlich». Kinder hätten Wörter aus Büchern «abgemalt», weil sie deren Buchstaben noch gar nicht gelernt hätten, sagt sie gegenüber der «Ostschweiz am Sonntag». Sie hält es darum für fragwürdig, dass bereits Fünfjährige «ihr Thema» auf einem Plakat oder in einem Heft umsetzen müssen und dies nicht freiwillig sei.

Übertritt zur Schule fällt leichter

Thomas Allmann, Leiter der Schule Untereggen, überrascht die Kritik der Mutter. Die Vorträge seien eine «gescheite Sache, hinter der an unserer Schule alle Lehrpersonen voll stehen können». Ziel dieses Systems sei, Begabungen zu fördern. Dies stehe im Zusammenhang mit dem schulischen Enrichement-Modell (SEM), das Untereggen seit 2003 anwendet.

Beim SEM geht es darum, «anspruchsvolles und lustvolles Lernen und positive Leistungserfahrungen» zu ermöglichen. «Jedes Kind hat Talente, die es zu fördern gilt», sagt Allmann zur «Ostschweiz am Sonntag». Auch Kindergärtler erhielten ab dem zweiten Kindergarten-Jahr zwei Lektionen SEM pro Woche und erarbeiteten dabei Projekte zu frei wählbaren Themen. «Dank den Projekten fällt der Übertritt in die Schule leichter», sagt Allmann.

Mehr Schule im Kindergarten zwecks Chancengleichheit

Experten geben dem Schulleiter teilweise recht. Wenn SEM den individuellen Fähigkeiten angepasst und stufengerecht umgesetzt werde, könnten alle Kinder profitieren, sagt Evelyne Wannack, Leiterin der Geschäftsstelle für Forschung und Entwicklung der pädagogischen Hochschule Bern. Dabei sei ein Vortrag nicht gleich ein Vortrag. Kindergärtler etwa müssten ihren Ausdrucksmöglichkeiten entsprechend auch etwas vorzeigen oder vorspielen können.

Bernhard Hauser, Leiter des Masterstudiums Early Childhood Studies an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, hält die Diskussion um die Verschulung des Kindergartens für hochgespielt. Bereits der Kindergarten müsse versuchen, die Unterschiede zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Kindern auszugleichen. «Wenn uns die Chancengleichheit wichtig ist, sollten wir sogar noch mehr Mathematik und Sprache im Kindergarten einführen», sagt Hauser zur «Ostschweiz am Sonntag».

Erzähltag statt Vortrag bei Kindergärtlern

Anders sieht dies Kinderarzt Hannes Geiges aus Rüti. Der Lehrplan-21-Kritiker stellt fest, dass im Kindergarten vermehrt schulische Inhalte eingesetzt werden und befürchtet eine Überbewertung des kognitiven Lernens. Es sei zwar nichts Neues, dass Kinder ihre Bäbis, Haustiere oder selbstgebastelten Autos in den Kindergarten mitbringen würden, um sie den anderen Kindern vorzustellen.

Er findet es aber falsch, bei Kindergärtlern von Projektarbeit oder Präsentationskompetenz zu sprechen, wie er gegenüber der «Ostschweiz am Sonntag» sagt. Vielmehr solle es um einen Erzähltag gehen und dies möglichst auf freiwilliger Basis geschehen.

(ann)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Magdalena Weyermann am 25.09.2017 16:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kinder dürfen Kinder sein

    Warum dürfen Kinder nicht mehr Kinder sein? Sie werden in der Schule schon enormen Druck haben

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  • René Gruber am 25.09.2017 16:22 Report Diesen Beitrag melden

    Lasst die Kinder Kinder sein

    Die Kinder werden früh genug von der Leistungsgesellschaft erfasst und unter Druck gesetzt. Lasst die Kinder doch in Gotteswillen noch Kinder sein und versucht sie nicht schon im Kindergarten auf Leistung zu drillen. Wenn ein Kind so einen Vortrag von sich aus gerne machen möchte so soll es natürlich nicht verboten sein. Aber Pflicht sollte sowas im Kindergarten noch nicht sein. Auch lesen lernen können die kleinen ab der Schule und das Ziel darf nicht sein, dass sie es schön beim Schuleintritt beherrschen.

  • Wanda am 25.09.2017 16:26 Report Diesen Beitrag melden

    Faule Socke

    War bei uns an der Schule ein beliebter Trick: unzählige Vorträge in Auftrag geben, damit man als Lehrer nichts vorbereiten muss!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Te Rasse am 26.09.2017 22:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erzählstunde

    Früh übt sich, wer ein Parlamentsrier werden will.

  • Erich Ender am 26.09.2017 15:38 Report Diesen Beitrag melden

    nix spielen, lesen ist wichtig

    Mit 6 Jahren hatte mein Sohn schon alle Asterix und Tintin gelesen, mit 7 die Harry Potter Series. Ja, heute ist er Rechtsanwalt in Chur.

  • Silvia Meyer am 26.09.2017 13:24 Report Diesen Beitrag melden

    Wohin wollen wir eigentlich?

    Alles ist immer eine Vorbereitung auf irgendetwas. Im Kindergarten auf die Schule in der Schule auf das Berufsleben.... Kann ein Kindergartenkind nicht einfach mal ein Kindegartenkind sein und die Freude und Begeisterung an einer Ameise eine Freude an einer Ameise bleiben ohne dass wir Erwachsene es durch solch sinnlose Schikane kaputt machen brauchen? Schön, wenn ein Kind erzählen mag, wie es eine Ameise beobachtet hat. Einem Kindergartenkind (und dessen Eltern) vorzuschreiben einen Vortrag vorzubereiten und vor versammeltem Publikum aufzusagen ist einfach nur das Allerletzte.

  • Sylvia am 26.09.2017 12:28 Report Diesen Beitrag melden

    Leider nichts Neues!

    Der Kindergarten ist schon lange nicht mehr was er war. Dort werden heute schon Rechnen etc. geübt und die Kinder haben relativ wenig Freiheit sich selbst zu entfalten, eigene Ideen einzubringen, oder wie mein Sohn gestern sagte:"Ich will nicht in den Kindergarten, dort muss ich immer Basteln was vorgezeigt wird!"

  • Lea R. am 26.09.2017 11:49 Report Diesen Beitrag melden

    Wahnsinn.

    Ich bin erst 20 Jahre alt, aber wenn ich sowas lese, möchte ich schon gar keine Kinder mehr in diese Welt setzen. Sorry, das ist doch einfach nur wahnsinnig! Das sind Kinder (5 Jahre alt) und keine Maschinen. Lasst sie doch einfach spielen.