Rechtsvorbeifahren wird erlaubt

14. Juni 2018 05:35; Akt: 14.06.2018 07:51 Print

«Es kann zu mehr Unfällen kommen»

Nach dem Nationalrat will nun auch der Ständerat das Rechtsvorbeifahren auf der Autobahn erlauben. Was heisst das nun? Und was halten Fahrlehrer vom Entscheid des Parlaments?

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Was ist der Unterschied zwischen Rechtsvorbeifahren und Rechtsüberholen? Was sieht die aktuelle Rechtslage aus?

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Grundsätzlich gilt: Beim Überholen wird die Spur gewechselt, beim Vorbeifahren nicht. Fahrlehrer Beat Schwendimann veranschaulicht den Unterschied an einem Beispiel: «Ich komme auf einer dreispurigen Autobahn von rechts. Auf dem Mittelstreifen fährt ein notorischer Linksfahrer. Ziehe ich rechts an ihm vorbei und bleibe auf meiner Spur, handelt es sich um Vorbeifahren. Wechsle ich danach auf die mittlere Spur, gilt das als Überholen.»

Beides ist nach derzeitigem Recht grundsätzlich verboten. Fahrlehrer Daniel Frei erklärt: «Bis heute gilt Rechtsvorbeifahren als Rechtsüberholen – und das wird als grobe Verletzung der Verkehrsregeln geahndet.» Dieser Umstand führe bei den Verkehrsteilnehmern zu viel Unsicherheit: «Die meisten Fahrer glauben, sie überholen nicht, sondern fahren nur vorbei.»

Die ausgesprochenen Strafen würden angesichts der komplizierten Regelung oft als willkürlich empfunden, schreibt FDP-Nationalrat Thierry Burkart in seinem Vorstoss, den der Ständerat am Mittwoch angenommen hat. Für Burkart ist klar: «Beseitigt man die Rechtsunsicherheit, steigt die Verkehrssicherheit.»

Wann darf man auf der Autobahn ausnahmsweise rechts vorbeifahren?

Laut einem Entscheid des Bundesgerichts ist Rechtsvorbeifahren zulässig, wenn auf beiden oder allen drei Fahrspuren dichter, paralleler Kolonnenverkehr herrscht. Frei: «Fährt jemand links auf der Autobahn nur 40 km/h und muss noch bremsen, muss der Fahrer rechts nicht auch bremsen, sondern darf vorbeifahren. Fährt die ganze Kolonne auf der linken Spur 70 km/h, dürfen die Fahrzeuge auf der rechten Spur nicht schneller fahren, denn das würde als Rechtsüberholen gelten.»

Frei und Schwendimann monieren jedoch, dass der Begriff des Kolonnenverkehrs zu unscharf sei. So sei etwa nicht klar definiert, bei welcher Geschwindigkeit genau man von Kolonnenverkehr ausgehen könne. «Es handelt sich um einen sehr dehnbaren Begriff», sagt Schwendimann.

Neben dichtem Kolonnenverkehr darf auf dem Beschleunigungsstreifen, dem Verzögerungsstreifen (Ausfahrt) und bei Spuren mit unterschiedlichen Wegweiserzielen rechts vorbeigefahren werden.

Was halten die Fahrlehrer von einer generellen Zulassung des Rechtsvorbeifahrens auf Autobahnen?

Frei und Schwendimann sehen der generellen Zulassung des Rechtsvorbeifahrens mit gemischten Gefühlen entgegen. «Gerade auf viel befahrenen Strassen wird der Verkehrsfluss sicherlich gefördert und es gibt weniger Stau», sagt Frei. Auch Nationalrat Burkart spricht in seinem Motionstext von einer «signifikanten Kapazitätssteigerung der meistbefahrenen Strassen der Schweiz».

Andererseits bringe das Erlauben des Rechtsvorbeifahrens auch Gefahren mit sich. «Die Autofahrer sind sich gewohnt, dass auf der Autobahn von rechts niemand kommt. In der Umgewöhnungsphase kann es daher zu mehr Unfällen kommen», warnt Schwendimann. Die Verkehrsteilnehmer müssten noch aufmerksamer sein.

«Man hat es in der Vergangenheit verpasst, das Rechtsfahrgebot strikt durchzusetzen und Linksschleicher konsequent zu büssen», so Schwendimann weiter. Das zeige sich nicht zuletzt am verhängten Strafmass: Während notorische Linksfahrer eine Ordnungsbusse von 60 Franken erhalten, müssen Rechtsvorbeifahrer mit bis zu 10'000 Franken und mindestens drei Monaten Führerausweis rechnen.

Wie sieht die Gesetzeslage im Ausland aus?

In Deutschland gelten ähnliche Regeln wie bis anhin in der Schweiz: Rechtsüberholen auf der Autobahn ist grundsätzlich verboten – ausser im Kolonnenverkehr. Die USA mit ihren mehrspurigen Strassen kennen unter der Devise «hold the line» – Spur halten, rechts vorbeifahren – eine ähnliche Praxis, wie sie das Parlament künftig für die Schweiz vorsieht. Die Schweiz wäre eines der ersten Länder in Europa, die das Rechtsvorbeifahren ausdrücklich erlauben.

Wie geht es nun weiter?

Der Bundesrat arbeitet nun eine Vorlage aus, die das Rechtsvorbeifahren auf Autobahnen und Autostrassen erlauben soll. Thierry Burkhart geht davon aus, dass das neue Gesetz frühestens Anfang 2019 in Kraft tritt. Das Verbot des Rechtsüberholens soll beibehalten werden.

(sul)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Autofahrer am 14.06.2018 06:10 Report Diesen Beitrag melden

    notorische Linksfahrer

    "Die Schweiz wäre eines der ersten Länder in Europa, die das Rechtsvorbeifahren ausdrücklich erlauben." Es ist bestimmt auch mit Abstand das eiropäische Land mit den meisten notorischen verkehrsbehindernden Linksspurfahrer.

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  • bümi am 14.06.2018 06:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gut so

    es kann und könnte noch viel aber es wird zu weniger Stau führen und flüssigem Verkehr. Klar!! hat der notorische Linksfahrer so wie der Mittel(schmal)spurIndianer nun Angst.

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  • Philipp Gressel am 14.06.2018 05:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    endlich

    als autofahrer welcher teils bis zu 5'000km pro monat zurücklegt, freue ich mich riesig sobald die neue regelung eingeführt wird

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Frank Bauer am 16.06.2018 19:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unfassbar

    Die mittlere Spur scheint eine sehr hohe Anspruchskraft zu besitzen. Und Blinker sind ja nicht serienmässig an Bord (Ironie)

  • Sindy am 16.06.2018 08:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur bei Dreispuren erlauben

    Die Idee scheint logisch zu sein, um den Verkehrsfluss zu fördern. Wenn ein langsamer Linksfahrer oder notorischer Mittelfahrer blockiert. Jedoch haben wir viele Zweispurigen Autobahnen, da wird diese Methode vermutlich eher als Rennstrecke von links und rechts genutzt. Die Schweiz hat für dieses System zu wenig Spuren! Braucht klare Regeln.

  • Sam Scyther am 15.06.2018 13:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keep calm and drive smart

    Die heutigen Strafen für Rechtsvorbeifahrer und Linksfahrer sollten getauscht werden. Das Rechtsvorbeifahren ist überhaupt nur nötig weil jemand das Rechtsfahrgebot missachtet. Grundsätzlich ärgern sich aber viele Fahrer, noch bevor sie über eine Situation aus verschiedenen Perspektiven nachgedacht haben. Ein Lernprozess kann so nicht stattfinden. Wenn etwas schiefläuft, nehme ich die Schuld zu allererst auf mich. Und selbst wenn ich nicht schuldig bin, habe ich meistens einen Beitrag zum Entstehen einer Gefahrensituation geleistet. Wenn sich die Verkehrsdisziplin verbessern soll, so beginne jeder bei sich selbst.

  • Paul am 15.06.2018 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    andere Probleme

    es gibt schlimmeres: jedes Jahr sterben X Hundert Menschen wegen falscher Behandlung oder Spitalkäfer. Weshalb wird das nicht Prio1???

  • Tobi Brunner am 15.06.2018 11:13 Report Diesen Beitrag melden

    Irrsinn

    werd mich hüten jemals rechts vorbeizufahren, darf ja dann nie mehr auf die linke Spur wechseln, sonst habe ich dann überholt!