Luxus-Rum und iPhones

11. Juli 2018 07:26; Akt: 11.07.2018 16:50 Print

Luzerner geht mit Darknet-Daten auf Shoppingtour

von Julia Käser - M. besorgte sich im Darknet den Zugang zu E-Mail-Adressen von Privatpersonen, ging damit auf Shoppingtour und wurde erwischt. Jetzt zeigt er sich reuig.

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Plötzlich liegt im Briefkasten von C. S.* eine Rechnung für über 1900 Franken. Gemäss dieser soll sie Rum der Marke Havana Club gekauft haben, eine limitierte Spirituose aus den ältesten Rumsorten, in mundgeblasener Glaskaraffe abgefüllt. Einen solchen Einkauf hat sie allerdings nie getätigt.

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C. S. ist nur eines der Opfer des 24-jährigen M.*, der hinter der Bestellung steht. Gemäss dem Strafbefehl, der 20 Minuten vorliegt, hat der junge Mann zwischen Februar und Oktober 2017 im Darknet zahlreiche Zugänge zu E-Mail-Accounts und Postkonten erworben. Mit diesen Daten bestellte M. bei diversen Anbietern Waren. Neben dem Rum kaufte er vorwiegend technische Geräte der Marke Apple wie das MacBook Pro oder das iPhone 7 Plus. Im Lauf seines illegalen Treibens erstand der junge Mann vermehrt Kleidung bei Zalando. Die Bestellungen hatten jeweils einen Wert von 1000 bis 3000 Franken.

Ware an Postautomaten geschickt

Die Ware wiederum liess er zu verschiedensten My-Post-24-Automaten schicken und holte sie manchmal selbst ab, manchmal übernahm einer seiner Mittäter diese Aufgabe. Sie wurden entlöhnt. Schliesslich verkaufte M. die missbräuchlich erworbene Ware weiter und erzielte so einen Gewinn.

Dann kamen ihm die Behörden auf die Schliche: Er kam gut zwei Monate lang in Untersuchungshaft. Nun wurde er vom Kriminalgericht Luzern verurteilt. Wie dem Strafbefehl zu entnehmen ist, hat sich der Verurteilte des mehrfachen betrügerischen Missbrauchs von Datenverarbeitungsanlagen sowie der mehrfachen Urkundenfälschung schuldig gemacht. M. erhält eine bedingte Geldstrafe, muss eine Busse im Wert von 1350 Franken zahlen sowie die Verfahrenskosten von fast 10'500 Franken tragen.

«Das war eine doofe Aktion»

M. bereut seine Taten mittlerweile. «Das war eine doofe Aktion von damals. Vielleicht schrecken aufgrund meiner Geschichte andere davor zurück, solche Dinge zu tun», sagt er zu 20 Minuten. Das Internet sei kein straffreier Raum.

Der Fall wirft die Frage auf, wie leicht private Daten im Darknet zu erwerben sind. Laut Pascal Lamia, Leiter der Melde- und Analysestelle Informationssicherung des Bundes (Melani), ist eine Tat wie jene von M. mit einem erheblichen Aufwand verbunden. Zuerst müsse man sich über das Darknet informieren und sich Zutritt verschaffen. Anschliessend gelte es, alle notwendigen Daten zu sammeln und entsprechende Konten zu hacken. «Hat man grosse Langeweile, Zeit übrig und ist entsprechend interessiert, ist es jedoch durchaus machbar.»

C. S. ist erleichtert, dass M. nun gefasst und verurteilt worden ist. Sie selbst hatte sich umgehend an die Polizei gewandt, als sie die verdächtigen Rechnungen erhielt. «Einmal hat er es nicht geschafft, die Ware rechtzeitig umzuleiten. Da landete plötzlich ein iPhone, das ich nie gekauft hatte, in meinem Briefkasten», erzählt sie. M. habe sich Zutritt zu einem alten E-Mail-Account von ihr beschafft und sei so an all ihre Daten gekommen. Sie selbst sei nun enorm vorsichtig geworden, nicht einmal einen E-Banking-Account besitze sie noch.


*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hinterschinken am 11.07.2018 08:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Reue

    Ja, natürlich bereut er es - er bereut es, dass er erwischt wurde...

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  • Omlin P. am 11.07.2018 07:55 Report Diesen Beitrag melden

    Hohe kriminelle Energie

    Weiss nicht, aber Fr. 12 000 Busse scheint mir eine sehr wohlwollende Strafe? Einem DJ sollen Auftrag zu Brandstiftung und Versicherungsbetrug (Fr. 200 000) zu 4 Jahren Knast verholfen haben. Die Rechtsprechung in der Schweiz, erinnert mich oft an einen fröhlichen Lottoabend im Rössli ;)

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  • Tania B. am 11.07.2018 08:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geisternetze

    Wie kann man ohne das Internet zu benutzen, diesen Artikel lesen und bei der Umfrage mitmachen? :-P

Die neusten Leser-Kommentare

  • Cavi33 am 11.07.2018 17:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rigorose Strafen nützen

    In Anbetracht der sehr milden Strafe wird dieser Typ schon in wenigen Monaten wieder weiter machen. Zuerst natürlich wird dem Richter eine traurige Kindheit und Rabeneltern aufgetischt, danach erfolgt die Salbung zur Besserung und schon ist er wieder auf freiem Fuss.

  • Autofahrer am 11.07.2018 16:34 Report Diesen Beitrag melden

    Auch mord lohnt sich, nur fahren nicht

    Ich sag es immer wieder, kriminell zu sein lohnt sich in der schweiz" ps: klar will ich nicht dafür anstiften aber die anderen leute sollten sich da mal gedanken machen und handeln!!.

  • leser am 11.07.2018 13:26 Report Diesen Beitrag melden

    C. S. ist erleichtert ...

    "Sie selbst sei nun enorm vorsichtig geworden, nicht einmal einen E-Banking-Account besitze sie noch. " ... und wahrscheinlich auch keinen Briefkasten daheim, der ja auch geknackt werden kann, keinen Eintrag im Telefonbuch, die Tel-Nr wird sowieso geheim gehalten & Nr. beim Anrufen unterdrückt, usw. Willkommen im technischen Fortschritt!

  • Jonas am 11.07.2018 12:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    fachbegriff shoppingtour

    Das wo er gemacht hat nennt man "Paket dropping". Ware an postautomaten oder leerstehende Häuser bestellen.

    • G. Eschädigter am 11.07.2018 15:07 Report Diesen Beitrag melden

      Hat man schon in analogen Zeiten

      gemacht. Und die Post hat damals mitgemacht, auch bei eingeschriebenen Briefen und Paketen. Nichts mit ID-Ueberprüfung!

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  • Inspeteur Clouseau am 11.07.2018 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Scherz Rechtstaat...

    1350 Fr. Busse wenn die Deliktsumme nur schon für ein Delikt 1900 Fr beträgt? Und 10'500 Fr. Verfahrenskosten, bei mehreren 10'000 Fr. Deliksumme. Das hat sich am Ende ja noch gelohnt..

    • Nord-Allianz am 11.07.2018 17:22 Report Diesen Beitrag melden

      Thats it - VerbIN

      General Dostum meinte einst, ihr braucht keine Soldaten, sondern gute Krieger! /\

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