«Balkan-Slang»

16. April 2018 21:56; Akt: 16.04.2018 21:56 Print

«Albanische und türkische Begriffe sind beliebt»

Nebst englischen Ausdrücken sind auch solche aus dem Balkan in der Jugendsprache angesagt. Zwei Sprachexperten erklären, warum so gesprochen wird.

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«Hey Lan, Shisha hüt uf din Nacke, gel?», «Vallah gjak, ich bi broke», und «Brudi, alli so voll am eskaliere» – ein Gemisch aus Deutsch, Englisch, Albanisch oder Türkisch ist in der Shisha-Bar oder auf dem Pausenplatz allgegenwärtig. Warum eigentlich? Laut Christina Siever, Sprachwissenschaftlerin an der Uni Zürich, spielt bei der Entstehung der Jugendsprache in der Schweiz das Code-Switching – das Entlehnen einzelner Ausdrücke aus anderen Sprachen – eine grosse Rolle. «Englisch hat ein hohes Prestige, unter anderem weil viele Filme und Musik in dieser Sprache sind. Albanische oder türkische Begriffe sind in der Schweiz beliebt, weil wir Vertreter dieser Sprache hier haben.»

Nicht nur die Begriffe aus dem Balkan seien ein wichtiger Aspekt der heutigen Jugendsprache, sondern auch der ausländische Sprechstil – bekannt unter dem Namen «Balkanslang». Daniel Perrin, Sprachwissenschaftler an der ZHAW, erklärt: «Wenn ein Sprechstil kräftig klingt, wird er von Leuten übernommen, die kräftig wirken und zu den Kräftigen gehören wollen.»

Zusammengehörigkeit und Abgrenzung

Sprachen haben immer mehrere Funktionen zugleich, beispielsweise Eindruck zu machen und sich von anderen abzugrenzen, so Perrin. Siever hebt diesen Aspekt hervor: «Bestimmte Ausdrücke werden verwendet, um sich von älteren Generationen abzugrenzen. Hier spielt auch ganz klar der Protestaspekt eine Rolle: Jugendsprache bricht oftmals mit sprachlichen und gesellschaftlichen Normen.» Solche Ausdrücke würden auch verwendet, um sich von anderen jugendlichen Gruppierungen abzugrenzen. Auch hätten Jugendliche Freude am Spiel mit der Sprache und am Erfinden von etwas Eigenem.

Siever erklärt weiter, dass es sich beim jugendsprachlichen Vokabular oftmals um Übertreibungen und Intensivierungen handle. Aber auch andere Aspekte wie Humor, Ironie und Sprachspiele spielten eine Rolle. Viele Ausdrücke seien sehr schnelllebig, weshalb beispielsweise auch immer wieder neue Jugendsprachwörterbücher erscheinen. Laut Siever sollte jedoch kritisch hinterfragt werden, inwiefern die dort verzeichneten Jugendwörter tatsächlich verwendet werden, «da es sich um eine Auflistung handelt, bei der nicht ersichtlich ist, was von wie vielen gebraucht wird und was eher selten oder nur in bestimmten Szenen verwendet wird».

Influencer und Comedians haben grossen Einfluss

Nicht in allen Regionen der Schweiz sprechen Jugendliche die gleiche Sprache. «Der Wohnort hat nicht nur auf das Verhalten der Jugendlichen einen Einfluss, sondern auch auf die Sprache», erklärt Perrin. «Ein Dorfbewohner aus den Bergen spricht anders als beispielsweise ein Stadtbewohner.» Siever pflichtet ihm bei: «‹Die› Jugendsprache gibt es sowieso nicht. In der Schweiz kommen da auch Unterschiede zwischen den einzelnen Dialekten hinzu, aber eben auch Unterschiede zwischen einzelnen Gruppierungen.» Gleichzeitig gebe es aber Ausdrücke, die im ganzen deutschen Sprachraum bekannt und beliebt seien, weil bestimmte Medien sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland konsumiert werden.

Laut den beiden Experten können Influencer, Comedians, Filme oder Musik die Jugendsprache stark beeinflussen. «Wenn ein Vorbild etwa einen neuen Ausdruck braucht, wird es leicht nachgeahmt», sagt Perrin. Laut Siever ist es oft schwierig, diese Quellen von Wörtern in der Jugendsprache nachträglich zu finden. Er sagt: «Oftmals verbreiten sich bestimmte Dinge, ohne dass man eine einzelne Person als Urheber ausfindig machen kann. Vielmehr etablieren sich manche Dinge in bestimmten Gruppen – und manche halt nicht.»

(qll/wsa)