Anklageschrift im Fall Rupperswil

12. März 2018 11:17; Akt: 12.03.2018 18:15 Print

Thomas N. hatte 11 weitere Buben im Visier

von Jennifer Furer/Stefan Ehrbar - Der mutmassliche Mörder von Rupperswil beschattete einen Tag vor seiner Verhaftung ein weiteres Opfer. Mit seinem Handy filmte er den sexuellen Missbrauch.

20 Minuten hat einen Dokumentarfilm über den Vierfachmord in Rupperswil gedreht. (Film von Jennifer Furer und Murat Temel)
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Thomas N. ist verantwortlich für eines der schwersten Verbrechen der Schweiz. Er tötete am 21. Dezember 2015 in Rupperswil AG vier Menschen. Am 13-jährigen Davin S. verging sich N. sexuell. Am Montag hat die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift veröffentlicht. Sie offenbart, wie brutal der Täter vorging – und dass er kurz davor war, wieder zuzuschlagen. Die Opfer hatte er bereits ausgesucht.

So ging Thomas N. vor:

Im Sommer 2015 entdeckte Thomas N., der seit Jahren von seiner pädophilen Neigung wusste und seit 2011 über 1000 kinderpornografische Videos und über 10'000 Fotos mit solchem Inhalt heruntergeladen hatte, zufällig den 13-jährigen Davin S. Da ihm Davin gefiel, nahm der Beschuldigte ihn laut Anklageschrift in seine Gedankenspiele auf. Er kundete in der Folge das Leben von Davin S. aus, indem er im Internet über ihn und seine Familie Recherchen anstellte.

Thomas N. war zudem auf der Suche nach Geld. Bekannten hatte er gesagt, er studiere an der Universität. Diese falschen Angaben untermauerte er mit gefälschten Dokumenten: Anfang 2013 produzierte er an seinem Computer ein Dokument, das ihm den «Bachelor of Science» der Universität Luzern bescheinigte. Im Juli 2014 erstellte er eine Urkunde, die ihn als Träger des Master-Abschlusses auswies. Seine Mutter belog er, als Doktorand an der Universität Bern zu arbeiten.

Überblick: Der Vierfach-Mord in Rupperswil

Als Schulpsychologe ausgegeben

Vor dem Tattag erstellte Thomas N. an seinem Laptop eine Visitenkarte für sich selbst, die ihn als «Dr. Sebastian Meier, Schulpsychologe» auswies. Er erstellte ein fiktives Schreiben der Schule, das über einen durch Mobbing hervorgerufenen Suizid einer Schülerin an der Schule berichtete.

Am 21. Dezember 2015 ging er gegen 6 Uhr mit den Hunden spazieren. Weil ein Auto vor dem Haus der Opferfamilie stand, ging er nach Hause, entschied sich dort aber, doch zuzuschlagen. Zwischen 7.30 und 8 Uhr klingelte er bei der Familie S. Im Rucksack: Handschellen, ein Messer, ein elektrischer Anzünder, Klebeband, Handschuhe, Mundschutz und Sexspielzeug. Er sagte der Mutter, er müsse erst mit ihr und dann mit Davin S. reden. Als er allein mit Davin war, bedrohte er diesen mit dem Messer, fesselte ihn und lief mit ihm zur Mutter. Die musste ihren älteren Sohn Dion und Simona F., die Freundin von Dion, fesseln. Thomas N. sammelte die Handys ein.

Die Opfer vom Vierfachmord in Rupperswil.

Thomas N. gab vor, nur an Geld interessiert zu sein und mit einem Komplizen zu handeln. Dann ging er mit Davin in sein Zimmer und sprach mit ihm über Fussball. Als eine Nachbarin klingelte, blieb Thomas N. mit Davin im oberen Stock, wo er diesen mit dem Messer bedrohte. Später zwang er Carla S. Geld bei der Bank zu holen. Als Carla S. zurückkehrte, missbrauchte Thomas N. den jüngeren Sohn. Die Anklageschrift offenbart detaillierte Schilderungen zum Missbrauch, die aufgrund der Brutalität hier nicht wiedergeben werden.

Danach lief Thomas N. zu den weiteren Opfern und begegnete Dion, der sich offenbar befreien konnte. Thomas N. griff ihn wieder auf und tötete ihn vor den Augen seiner Freundin mit dem Messer mittels Schnitt durch die Kehle. Auch die anderen Opfer tötete Thomas N. auf diese Weise. Danach übergoss er laut Anklageschrift alles, was brennbar erschien, mit Fackelöl und zündete das Haus an. Blutspritzer auf dem Rucksack übermalte er mit einem schwarzen Stift.

Thomas N. ging nach Tat spazieren

Zu Fuss ging Thomas N. nach Hause, wo er sich duschte. Im Lauf des Nachmittags ging er mit seiner Mutter und den Hunden auf einen Spaziergang. Am Abend ging er mit Kollegen nach Zürich in ein Restaurant und ein Casino. Mit dem erbeuteten Geld kaufte er Markenkleider, ging in die Skiferien und bezahlte die Ferien zum Geburtstag seiner Mutter. Die von ihm gemachten Fotos und Filmaufnahmen lud er auf seinen Laptop. «Das Leben des Beschuldigten verlief weiter wie vor der Tat», heisst es in der Anklageschrift.

Doch Thomas N. wollte wieder zuschlagen. Im Internet suchte er nach weiteren Knaben, die ähnlich aussahen wie Davin. In seinem Notizbuch entdeckten die Ermittler die Namen von 11 Knaben im Alter zwischen 11 und 14 Jahren. Einen davon hatte Thomas N. laut der Anklageschrift bereits in seinem Wohnquartier beschattet – noch einen Tag vor seiner Verhaftung. In seinem Notizbuch fanden Ermittler Einträge wie «Di 7:40 alle zuhause, wach». Thomas N. hatte die Familie des Knaben bereits telefonisch kontaktiert und angegeben, sich verwählt zu haben. Als Thomas N. gefasst wurde, fanden die Ermittler einen mit Utensilien für die Tat gepackten Rucksack. Auch ein weiteres Schreiben, das ihn als Schulpsychologen auswies, hatte Thomas N. bereits verfasst.

Die Staatsanwaltschaft klagt Thomas N. unter anderem wegen mehrfachen Mordes, mehrfacher räuberischer Erpressung, mehrfacher Freiheitsberaubung, mehrfacher Geiselnahme, mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern, mehrfacher sexueller Nötigung, mehrfacher Pornografie, Brandstiftung und Urkundenfälschung an. Welche Strafe die Staatsanwaltschaft fordert, wird sie am Prozess in ihrem Plädoyer bekanntgeben. Bisher entstanden Untersuchungskosten von rund 505'000 Franken. Der Prozess gegen Thomas N. beginnt am Dienstag.