Verantwortung der Familie

15. Mai 2018 05:45; Akt: 15.05.2018 16:43 Print

Volksinitiative will die Kesb entmachten

Heute wird die Kesb-Initiative lanciert. Die Familie soll künftig in Problemfällen zuständig sein. Keine gute Idee, findet ein Experte.

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Nicolas (5) und Alessia (2) wurden am 1. Januar 2015 tot im Haus ihrer Eltern in Flaach ZH gefunden. Ihre Mutter Natalie K. (27) wurde unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Sie hatte sich selber Verletzungen zugefügt. Im hinteren Hausteil (links) in Flaach lebte die Familie. Am 6. Januar gab die Rechtsmedizin bekannt, dass die beiden Kinder offenbar von ihrer Mutter erstickt wurden. Sie waren von der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) eigentlich im Heim platziert worden. Über die Feiertage durften sie zur Mutter. Am 3. Januar nahm die Kesb Stellung zum Tötungsdelikt. Offenbar gab es keine Hinweise auf die Tat. Mike K. ist der Vater der Kinder. Er und seine Frau Natalie waren am 4. November wegen Verdachts auf Betrug festgenommen worden. Zugleich wurden die Kinder des Paars in ein Heim in der Stadt Zürich eingewiesen. Mutter Natalie K. wurde wenige Tage danach wieder auf freien Fuss gesetzt. Sie konnte nicht verstehen, dass Alessia und Nicolas danach nicht wieder bei ihr leben durften. In dieser Wohnung in Flaach kam es am späten Abend des 1. Januars zur Tragödie. Vor der Haustür wurden am Tag nach der Tat Kerzen abgelegt. Die Mutter selbst rief nach der Tat gegen 21.30 Uhr die Polizei an. Diese kam mit einem riesigen Aufgebot. Rettungskräfte versuchten, die Kinder wiederzubeleben. Vergebens. Die 27-jährige Mutter hatte bei der Einkunft der Polizei die Wohnung bereits verlassen. Sie hatte sich mit einem grossen Messer an den nahen Waldrand begeben. Dort verletzte sie sich selbst. Die Einsatzkräfte konnten sie kurz darauf aufspüren. Die Verletzungen waren nicht lebensgefährlich. Ein Blick auf die Veranda der Wohnung: Das Spielzeug der toten Kinder steht immer noch da. Die Familie lebte offenbar sehr zurückgezogen. Man sah die Kinder kaum mal draussen spielen. Die Eltern von Natalie K. - die Grosseltern der Kinder - kamen aber öfter zu Besuch. Auch in jener Nacht soll Natalie K. auch den Grosseltern ein SMS gemacht haben, dass die Kinder jetzt im Himmel seien. Die Grosseltern fuhren darum sofort nach Flaach. Sie sahen die toten Enkel noch, bevor diese weggebracht wurden. «Sie sahen aus als ob sie schliefen, sagten sie gegenüber den Medien.» Ein Leser-Reporter beobachtete in der Nacht, wie ein Rega-Helikopter neben dem Haus landete.

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Eine Gruppe von Gegnern der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) um SVP-Nationalrat Pirmin Schwander und seine Parteikollegin Barbara Keller-Inhelder lanciert am Dienstag die Unterschriftensammlung für ihre Kesb-Initiative. Anstelle der Behörden soll automatisch die Familie zuständig sein, wenn eine Person urteilsunfähig wird beziehungsweise das Kindswohl gefährdet ist (siehe Box). Heute schreitet standardmässig die zuständige Kesb ein, wenn die Person nicht vorher einen Vorsorgeauftrag verfasst hat, in dem den Familienangehörigen die Verantwortung übertragen werden.

Wird jemand urteilsunfähig, soll gemäss dem Initativtext die Partner, die Verwandten ersten Grades (Eltern oder Kinder) oder Verwandte zweiten Grades (Geschwister, Grosseltern, Enkelkinder) zum Zug kommen, auch eine andere Person kann definiert werden. Will oder kann keiner der Verwandten die Betreuung übernehmen, soll weiterhin die Kesb für den Fall verantwortlich sein.

«Angehörige sollen für Angehörige sorgen dürfen»

«Wir wollen den Normalfall wieder einführen, in dem nahe Angehörige für nahe Angehörige sorgen dürfen», sagt Initiantin Barbara Keller-Inhelder. Von den Menschen, die heute einen Vorsorgeantrag ausfüllten, würden 90 Prozent die eigene Familie als Vormund wählen. «Das zeigt uns, dass wir mit unserer Initiative auf dem richtigen Weg sind.»

KESB-Kritiker lancieren Volksinitiative: Pirmin Schwander (Initiant) und Barbara Keller-Inhelder (Beratungsstelle KESB-Schutz) nehmen im Interview Stellung. (Video: Tamedia/SDA)

Auslöser für die Initiative war der Fall Flaach, der Anfang Januar 2015 die Schweiz erschütterte: Eine Frau erstickte ihre zwei Kinder, die nach den Weihnachtsferien in ein Kinderheim zurückkehren sollten. Weil der Vater in Betrügereien verwickelt war, war die zuständige Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) eingeschritten. Die Grosseltern hatten erfolglos versucht, die Kinder bei sich statt bei der Kesb unterzubringen. Die Mutter nahm sich in U-Haft das Leben. Im Netz tobte ein Shitstorm gegen die Kesb, der Behörde wurde die Schuld an der Tragödie gegeben.

«Kesb ordnet Massnahmen an, ohne mit den Leuten zu reden»

Keller-Inhelder ist Präsidentin des Vereins Kesb-Schutz, der von Kesb-Massnahmen Betroffene und ihre Angehörigen berät. «Ich sehe in der Praxis täglich, wie die Behörden arbeiten, und sehe schreckliche Geschichten.» Ungeeigneten Kesb-Mitarbeiter würden Massnahmen anordnen, ohne jemals mit den Betroffenen geredet zu haben.

«Die Kesb reissen Familien vom Scheibtisch aus auseinander.» Zwar gebe es auch gute Kesb-Mitabeiter, aber auch diese müssten eine viel zu grosse Anzahl Fälle betreuen. «72 Fälle auf einen Mitarbeiter, das kann nicht funktionieren.»

«Gefahr von Misshandlungen in der Familie»

Wenig begeistert von der Initiative ist Daniel Rosch, Professor für Sozialrecht an der Hochschule Luzern: «Es ist nicht automatisch so, dass sich die Familie besser um eine Person kümmern kann als eine ausgebildete Fachperson.» Oft hätten Kesb-Fälle keine harmonische Familienstruktur. «Die Überprüfung der Betreuungsperson durch die Kesb verhindert Missbrauch von Minderjährigen und Erwachsenen.» Verschiedene asiatische Länder würden solch ein familienbasiertes Obhutssystem kennen. «Sie versuchen aber gerade bei Erwachsenen, davon wegzukommen, weil es immer wieder Fälle von Missbrauch gibt.»

Sei keine staatliche Behörde involviert, könne ein solcher Fall meist nur noch dann aufgedeckt werden, wenn sich Dritte bei der Kesb melden würden. «Es ist sinnvoll, dass eine Behörde hier genau hinschaut.» Ohnehin sei es nicht so, dass die Kesb über die Köpfe der Familie hinweg entscheiden würde. «Unsere Forschung zeigt, dass die Angehörigen sehr gut miteinbezogen werden.»

Widersprüchlich und fehlerhaft: Kesb äussert sich zu Vorwürfen der Initianten. (Video: Tamedia/SDA)

(the)