Wylerbad Bern

11. Juli 2018 05:46; Akt: 11.07.2018 05:46 Print

Kurse sollen Flüchtlinge vor Ertrinken bewahren

Immer wieder geraten Asylbewerber in hiesigen Gewässern in Notsituationen oder kommen gar ums Leben. Dagegen wollen Berner etwas unternehmen.

Benjamin Egli erklärt die Schwimmwoche für Geflüchtete. (Video: cho)
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«Im Gegensatz zu meiner alten Heimat Afghanistan, ist Schwimmen hier in Europa etwas sehr Wichtiges», sagt Liaqat Nawrozi (21). Er ist einer von 23 Teilnehmern, die im Berner Wylerbad eine spezielle Schwimmwoche für Geflüchtete besuchen. Ehrenamtliche Helfer der Vereine Bernvenuto und Bern.hilft.mit bringen seit Montag Schülern aus Integrationsklassen die Grundpfeiler der Schweizer Badiwelt bei. Das Angebot kommt gut an: «Die Plätze waren in drei Tagen ausgebucht», sagt Benjamin Egli von Bernvenuto.

Jeder sein eigenes Tempo

Noch bis Freitag finden sich die Schülerinnen und Schüler, die aus Somalia, Eritrea oder Afghanistan stammen, jeweils über Mittag in der Badi ein. Dort werden ihnen von Fachpersonen die Baderegeln erklärt oder ausgebildete Rettungsschwimmer zeigen, wie sie sich im Wasser richtig bewegen. Manche würden zum ersten Mal Badekleider oder -hosen tragen, so Egli: «Darum gehen wir alles sehr behutsam an.» Ziel sei es, dass sich die Teilnehmer am Schluss wohl im Wasser fühlen würden – egal ob sie sich noch am Bassinrand halten müssten oder schon ganze Bahnen kraulen würden. Auch wichtig ist jedoch, dass die Schüler ihre Grenzen kennen, betont Tamara Angele von Bern.hilft.mit: «Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Badeunfälle von Geflüchteten aus diesem Grund geschehen.»

Kurse sollen Flüchtlinge vor Ertrinken retten

Der Fluss ist eine Grenze

Erst vor wenigen Tagen erschien die Ertrinkungs-Statistik der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft SLRG: 41 Menschen verunglückten 2017 in Schweizer Gewässern, wobei lediglich eine Person im Schwimmbad ertrank. 93 Prozent verunfallten in offenen Gewässern wie etwa der Aare. Wird das Baden im Fluss auch thematisiert? «Nur am Rand», sagt Angele. Das sei genau eine der Grenzen, die den Teilnehmern beigebracht werden soll – und auch einer der Gründe für den Kurs: «Immer wieder geschehen traurige Zwischenfälle mit Geflüchteten in der Aare, Emme oder anderen Gewässern. Dagegen wollen wir etwas tun.» Dennoch wollen die Organisatoren die Freude am Baden, dem Schwimmen und der Badi im Fokus halten.

Die Kursveranstalter gehen mit ihrem Projekt noch einen Schritt weiter als praktisches und theoretisches Schwimmwissen zu vermitteln: Auch kulturelle Aspekte werden thematisiert. Angele: «Die Teilnehmer sollen wissen, wie man sich in Badis verhält und wie was funktioniert.» Dies, damit sie sich nach dem Kurs auch wohl fühlen würden und den Sommer in der Badi geniessen könnten. Dass der fünftägige Kurs in der ersten Sommerferienwoche stattfindet, kommt nicht von ungefähr.

Traumatische Erlebnisse

Teilnehmer Nawrozi freut sich auf die freien Tage, die vor ihm liegen. Er werde nun bestimmt mehr Zeit im Schwimmbecken verbringen: «Mein Ziel ist es, nach dem Kurs kraulen zu können – auch das Rückenschwimmen möchte ich noch lernen.» Seine Motivation: «Ich will auch im Wasser jemandem zur Hilfe eilen können.»

Viele der Teilnehmer haben durch ihre Flucht nach Europa einen traumatischen Bezug zum Wasser. Die ehrenamtlichen Helfer haben es sich auch zur Aufgabe gemacht, dass die Teilnehmer das Element Wasser mit positiven Erlebnissen verbinden – offenbar mit Erfolg: Während die Schüler im Nichtschwimmerbecken einem Ball hinterher jagen, sind die Lacher jedenfalls weit zu hören.

(cho)