Strafgericht BS

13. März 2018 05:49; Akt: 13.03.2018 05:49 Print

«Er hätte ihn töten können»

Versuchte vorsätzliche Tötung oder Notwehrexzess? Über die Geschehnisse eines blutigen Streits vor einem Basler Club gehen vor Gericht die Aussagen auseinander.

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Hier soll ein Mann mit einer Flasche niedergeschlagen worden sein. Der Täter hatte zuvor dem selben Opfer einen Kopfstoss verpasst und es mit einem Messer angegriffen. (Bild: 20 Minuten/lha)

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Ein 21-jähriger Baselbieter muss sich vor dem Basler Strafgericht wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und schwerer Körperverletzung verantworten. Er stach einen jungen Mann in den frühen Morgenstunden des 23. Oktober aus Eifersucht ausserhalb des Vice Clubs in Basel nieder.

Dass der Angeklagte die ihm zur Last gelegten Taten begangen hat, steht ausser Frage, denn er ist geständig. Die Beweislage und diffuse Zeugenaussagen fordern der grossen Kammer des Gerichts aber grosses Fingerspitzengefühl ab, um den Tathergang zu rekonstruieren. Im Zentrum steht die Frage, ob die Verletzungen, die der Beschuldigte dem Opfer mit einem Messer zufügte, für eine Verurteilung wegen versuchter vorsätzlicher Tötung ausreichen.

Laut der hinzugezogenen Expertin der Gerichtsmedizin war keine Wunde tiefer als ein Zentimeter. Allerdings: «Er hätte ihn töten können», hält sie fest, weil die Klinge nur knapp vitale Bereiche wie das Herz, die Lunge und grosse Blutgefässe verfehlt habe. «Er hat weder die Oberflächlichkeit der Verletzungen geplant, noch deren Tiefe bewusst vermieden», sagt sie. Die unkontrollierte Art des Angriffs, wie sie im Gutachten beschrieben wird, spricht dafür, dass der Angeklagte lebensgefährliche Verletzungen beim Opfer in Kauf genommen hat.

Verteidiger macht Bedrohunglsage geltend

Angesichts der Geständigkeit seines Mandanten wollte Verteidiger Christian von Wartburg dessen Taten nicht bestreiten. Vielmehr beharrte er darauf, der Angeklagte habe dem Opfer keine objektiv, sondern lediglich potentiell lebensgefährliche Verletzungen zugefügt. Zudem hob er hervor, dass sein Mandant sich ungeachtet der Selbstverschuldung bedroht gefühlt haben könne. «Von einem Tötungsvorsatz kann keine Rede sein», sagt er.

Auch die Eskalation des Konflikts vom Gespräch zum Kopfstoss wertet er als Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohungslage. Er betonte auch Passagen aus einem psychologischen Gutachten, laut dem der Beschuldigte an einer verlängerten Adoleszenskrise leidet, die ihn in Zusammenhang mit Drogenmissbrauch in einen Zustand brachte, der einer psychischen Störung schweren Ausmasses entspricht.

Das Gericht bat er, den Weg der Besserung, den sein Mandant eingeschlagen habe, nicht zu zerschlagen. So plädierte er auf Freispruch in den Anklagepunkten der versuchten vorsätzlichen Tötung und der schweren Körperverletzung. Stattdessen sei sein Mandant der einfachen Körperverletzung im Notwehrexzess schuldig zu sprechen. Als Strafmass fordert er maximal 24 Monate bedingt, aufzuschieben zu Gunsten einer ambulanten Massnahme.

Nach der Lehrabschlussprüfung direkt ins Kittchen

Staatsanwältin Simone Lustenberger zeigte weniger Sympathie für den Angeklagten. Er habe aus niederen Motiven gehandelt und lebensbedrohliche Verletzungen beim Opfer in Kauf genommen. Zudem habe keiner der Zeugen die Version der Ereignisse glaubhaft bestätigte, wie sie der Angeklagte schilderte.

Dieser sei deshalb in allen Anklagepunkten schuldig zu sprechen und zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten zu verurteilen. Die Strafe solle er nach Abschluss seiner Lehre antreten, um den Abschluss nicht zu gefährden. Weiter verlangt die Anklage eine Busse von 500 Franken und eine ambulante Massnahme. Das Opfer verlangt zudem eine Genugtuung in der Höhe von 16'000 Franken sowie die Übernahme von Kosten, die durch Folgeoperationen seiner Verletzungen entstanden.

Das Strafgericht eröffnet das Urteil am Donnerstag.

(las)