Basel

11. Juli 2018 05:44; Akt: 11.07.2018 05:44 Print

«Woher hat Scientology meine Handynummer?»

Ein Leser wurde von Scientology auf seiner privaten Nummer angerufen. Aussteiger bestätigen, dass die Sekte Personen systematisch kontaktiert, um sie als Mitglieder anzuwerben.

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«Ich habe keinen Plan, wie die an meine Nummer kommen. Wir haben nicht im Entferntesten etwas mit Scientology zu tun», wundert sich ein Leser gegenüber 20 Minuten. «Ich frage mich, ob die zum Anwerben nun auch Leute privat anrufen», sagt er.

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«In der Vergangenheit ist es schon vorgekommen, dass jemand von Scientology-Mitarbeitern angerufen wurde, obwohl sich die Person keiner Verbindung zu Scientology bewusst war», bestätigt Experte Georg O. Schmid auf Anfrage. Möglich sei dies zum Beispiel dann, wenn jemand an einem Stand einer Scientology-Frontorganisation seine Kontaktdaten angegeben hat, ohne sich über deren Zugehörigkeit zum Scientology-Umfeld im Klaren zu sein.

Wer von der Organisation kontaktiert werde, dies aber nicht möchte, solle mit eingeschriebenem Brief um Datenlöschung bitten und eine Bestätigung dafür verlangen, rät Schmid. «Das klappt nach aller Erfahrung gut. Schwieriger wird es, wenn jemand schon einmal Angebote wahrgenommen hat. Dann kommt es häufiger vor, dass über Jahre hinaus versucht wird, die Person wiederzugewinnen», weiss er.

«Einer der grössten Adressdatensammler der Welt»

Manfred Harrer und Thomas Erlemann von der Gewaltfreien Aktion gegen Scientology (Gags) berichten von massiver Mitgliederwerbung der Sekte in Basel. «Viele ärgern sich über die permanente Präsenz der Anwerber von Scientology auf dem Claraplatz», so Erlemann. Die Gags steht in Kontakt mit Aussteigern, die bestätigen, dass die Sekte im grossen Stil auch telefonisch aktiv ist.

Harrer, der Aussteiger in Basel betreut, berichtet von einer Art Callcenter: «Scientology ist einer der grössten Adressdatensammler der Welt. Von der Zentrale in der Burgfelderstrasse aus werden vorhandene Mitglieder angerufen, um immer wieder neue Geldspenden aus ihnen heraus zu pressen.» Andere Mitarbeiter gingen die Adressbestände durch und versuchten schnellstmöglich in persönlichen Kontakt mit Personen zu kommen, um diese anzuwerben, so der Aktivist.

«Bis zu 12 Stunden täglich hab ich mir für einen Hungerlohn die Finger wund telefoniert», so eine Basler Aussteigerin. Die Isoliertheit sei einer der Hauptgründe für den Ausstieg, der alles andere als einfach für die Betroffenen sei, sagt Harrer. Die meisten Aussteiger seien motiviert, die Öffentlichkeit zu informieren, um anderen Menschen ein ähnliches Schicksal wie das ihrige zu ersparen, sagt er.

Scientology dementiert Kaltanrufe

Bei Scientology heisst es: «Kaltanrufe sind mir völlig unbekannt», so Jürg Stetter, Mediensprecher von Scientology Schweiz, auf Anfrage. «Wenn schon einmal jemand ein Buch gekauft hat oder andere Informationen erhalten hat und uns seine Kontaktdaten gegeben hat, dann kann es sein, dass jemand anruft und fragt, wie das Buch gefallen hat oder ob jemand einen Kurs machen möchte.»

(lb)