Zeitung deckt auf

12. Oktober 2017 19:34; Akt: 12.10.2017 19:34 Print

Eine Kinderporno-Seite – von Polizisten betrieben

Ermittler der Polizei von Brisbane gaben sich im Internet als Pädophile aus – und wären fast aufgeflogen. In der Schweiz wäre solch eine Geheimaktion undenkbar.

Die Reporter der norwegischen Zeitung «VG» konfrontierten die australischen Polizisten mit ihren Ermittlungsmethoden. (Video: vg.no)

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Die grösste Kinderpornografie-Plattform der Welt wurde fast ein Jahr lang von der australischen Polizei betrieben. Die Beamten überwachten nicht nur die Nutzer des Forums «Childs Play». Sie tarnten sich auch als Pädophile und luden selber Bilder von Kindesmissbrauch hoch. Eine norwegische Zeitung stiess bereits im Januar auf die streng geheime Operation, hielt ihre Recherche-Ergebnisse aber bis vor wenigen Tagen zurück, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.

Wie die Zeitung «VG» schreibt, waren ihre Reporter auf die verdeckten Ermittler durch ihren eigenen IT-Experten aufmerksam geworden: Er fand heraus, dass der Server, über den «Childs Play» betrieben wurde, in Sydney stand. Die norwegischen Journalisten stellten den Server-Betreiber zur Rede. Dieser stellte Nachforschungen an – und informierte die Journalisten schliesslich, dass die Polizei in Brisbane die Plattform betreibe.

Wie weit darf die Polizei gehen?

Als die Reporter die Beamten im Januar 2017 mit ihrer Recherche konfrontierten, waren diese zunächst überrascht und dann konsterniert. «VG» könne gerne darüber schreiben, sagte Jon Rouse, der Leiter der zuständigen Taskforce Argos. Dann müsse die Zeitung aber «mit den Konsequenzen» leben. Sprich: Sollte die Operation wegen der Journalisten auffliegen, würden die Täter nicht zur Verantwortung gezogen.

Die Journalisten stellten Rouse folgende Fragen: Wie weit darf die Polizei gehen? Wie stark dürfen die Ermittler die Grenzen des Illegalen im Namen der Gerechtigkeit ausloten? Rechtfertigt die Hoffnung auf baldige Festnahmen und Urteilssprüche die Tatsache, dass Bilder von unschuldigen, missbrauchten Kindern von Polizisten wieder und wieder geteilt werden?

Besondere Befugnisse der Beamten

Rouse verteidigte das Vorgehen: «Wir erstellen diese Seiten nicht. Wir wollen nicht, dass sie existieren. Wenn wir sie aufspüren, infiltrieren wir sie und steigen in der administrativen Struktur des Netzwerks so hoch wie möglich auf, um es zu zerstören. Aber niemals würden wir selber ein solches Forum für Kinderschänder aufbauen», sagte der Chef der Taskforce.

Das Pädophilen-Forum «Childs Play» mit über einer Million Nutzern war eigentlich von einem Kanadier ins Leben gerufen worden. Gelandet ist der Fall bei der australischen Polizei, weil diese bei Fahndungen Missbrauchsbilder zeigen darf – was in vielen anderen Ländern verboten ist.

Vorgehen in der Schweiz verboten

Auch in der Schweiz ist ein solches Vorgehen nicht erlaubt. «Zum einen wird es aus ethischen Gründen nicht gemacht. Man muss bedenken, dass hinter jedem Bild ein reales Kind steckt», sagt Cathy Maret, Sprecherin des Bundesamts für Polizei (Fedpol), zu 20 Minuten. «Zum anderen würden sich verdeckte Ermittler in der Schweiz mit solchen Massnahmen strafbar machen.»

Schweizer Ermittler gingen mit anderen Methoden gegen Kinderpornografie im Netz vor, diese gebe die Behörde jedoch nicht preis. Allerdings, das betont die Sprecherin, arbeite man eng mit anderen, auch nicht europäischen Ländern zusammen.

Der Mann hinter dem «Childs Play»-Forum heisst Benjamin Faulkner. Im Netz nannte sich der Kanadier «Warhead». Er war 2016 in den USA festgenommen worden, nachdem er sich mit einem Forumsmitglied in Virginia getroffen hatte, um ein vierjähriges Mädchen zu vergewaltigen. Für eine mildere Strafe verriet er der Polizei sämtliche Zugangsdaten zu seiner Plattform.

Beamte stahlen «Warheads» Identität

Die Ermittler nahmen im Darknet die Identität von «Warhead» an, posteten in seinem Namen Missbrauchsmaterial und standen in stetem Kontakt mit den Nutzern.

Der Polizist Paul Griffiths etwa imitierte den Schreibstil von «Warhead» bis ins Kleinste und versuchte sich ganz in den Plattform-Betreiber hineinzuversetzen, damit die Nutzer keinen Verdacht schöpften. «Es war zerstörerisch. Wirklich schwer», beschrieb der Beamte seinen Gemütszustand. «Ich arbeite seit 22 Jahren in diesem Bereich. Bilder anzuschauen macht mir nichts mehr aus. Aber mich online als einer dieser Typen auszugeben, zu reden wie die – jedes Mal, wenn ich das tat, wollte ich danach duschen.»

Plattform ist offline

Europäische, kanadische und amerikanische Kollegen unterstützten die Australier mit Informationen. Diese machten ihren Job sehr «gut»: Die Nutzerzahl der Plattform verdoppelte sich. Die Beamten sammelten so lange Informationen, bis sie genügend Beweise beisammen hatten. Sie konnten die Seite am 13. September schliessen.

Jon Rouse zufolge hat die Aktion überall auf der Welt Kinder gerettet und zur Festnahme vieler Krimineller geführt. Ermittler Griffiths geht von 60 bis 90 Hauptverdächtigen aus. Die Polizei eines Landes soll eine Liste von 900 zu verhaftenden Personen führen, von denen einige bereits festgenommen wurden. Der ursprüngliche Plattform-Betreiber und der Mann, mit dem er ein Kind missbraucht hatte, wurden wegen der Vergewaltigung beide zu lebenslanger Haft verurteilt.

(mlr)