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Wiener Kaffeehäuser

11. März 2018 15:14; Akt: 11.03.2018 15:14 Print

Das geröstete Paradies

von Andreas Hauri - Mokka, Melange oder ein Schalerl Gold? Keine andere Stadt kann sich mit solch einer traditionsreichen Kaffeekultur brüsten wie Wien.

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Kaffee in Wien hat Tradition. Doch zuallererst stellt sich natürlich die Frage, wie das Genussmittel überhaupt nach Wien kam? Eine nicht unumstrittene Legende besagt, dass der Kaffee nach der zweiten Türkenbelagerung Wiens erstmals im Jahre 1683 als Beute in die Stadt geführt wurde. Vom neuartigen Getränk war die Bevölkerung sofort begeistert. Allein im Jahr 1819, damals war Wien die kaiserliche Reichshaupt- und Residenzstadt des Kaisertums Österreich, zählte die Metropole 150 Kaffeesieder, wie die Betreiber der Cafés damals genannt wurden. Im Jahr 1900 sind es 600. Um die Jahrhundertwende, als sich der Zerfall der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn bereits abzeichnete, entwickelte sich das Kaffeehaus in Wien als ein Ort der künstlerischen und literarischen Zusammenkunft. Oft wurde der ganze Tag im Kaffeehaus verbracht. Denn hier gab es Zeitungen, Gesellschaft und Wärme. Nichts von seinem Glanz verloren hat das berühmte Café Central an der Herrengasse. Das Lokal befindet sich im Palais Ferstel, es wurde 1860 vom gleichnamigen Architekten erbaut. Dieser, von einer Italien-Reise inspiriert, baute das Kaffeehaus im Neo-Renaissance-Stil. Falls Sie Lust haben, virtuell durch das Café zu wandern, klicken Sie Früher spielte hier Leon Trotzki Schach, Frank Kafka las Zeitung und Arthur Schnitzler schrieb Briefe. Um einen Platz zu ergattern, muss man heute im Central reservieren. Das Lokal gehört zu den am besten besuchten Gemäuern der Stadt. Dass in den altehrwürdigen Kaffeehäusern Wiens Literaten rumlungerten, die gelegentlich auch schrieben, ist längst unter dem Schlagwort Kaffeehaus-Literatur bekannt. Die Wiener Kaffeehauskultur gehört seit 2011 gar zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. Die Wiener haben natürlich auch ihre eigenen Bezeichnungen für Kaffeegetränke. Zum Beispiel den Einspänner. Die Geschichte hinter dem schwarzen Kaffee mit der Schlagrahmhaube ist die folgende: Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte in Wien Krise. Die Kutscher fuhren damals meist nur noch mit einem Pferd. Das übliche zweite Pferd wurde zum Pferdemetzger gebracht. Wenn der Kutscher nun bei einem Kaffeehaus kurz haltmachte, musste es schnell gehen. Deshalb wurde ein Kaffee mit Schlagrahm bestellt. Dies sorgte dafür, dass der Kaffee schnell kalt wurde und rascher getrunken werden konnte. In Anlehnung an das alleinige Zugpferd des Kutschers wird der Kaffee mit Schlagrahm-Haube seither als Einspänner bezeichnet. Ab in die Wärme: Unweit vom Café Central liegt das Kaffeehaus Korb. Zur Eröffnung 1903 kam sogar Kaiser Franz Josef vorbei. Unterdessen wurde es ein paar Mal restauriert. Heute gilt es noch immer als Künstlerbeiz. Abends finden hier im Untergeschoss Lesungen und manchmal auch Konzerte statt. Das Café Korb ist im Besitz von Susanne Widl, ein It-Girl aus den 80er-Jahren. Die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek bezeichnete Widl einst als Genius Loci des Lokals, eine Femme fatale mit mächtig viel Anziehungskraft. Im Korb darf man stundenlang rumsitzen und Zeitungen lesen. Nächster Halt: Ringstrasse, Café Schwarzenberg. Eine Besonderheit ist die original erhaltene Einrichtung von Ende des 19. Jahrhunderts. Es gehört zu einem der letzten Cafés an der einst so prächtigen Ringstrasse im 1. Wiener Bezirk. Während der Ballsaison in Wien bietet das Schwarzenberg übrigens ein kaiserliches Katerfrühstück an. Auch die Süsswaren dürfen sich sehen lassen. Das Supersense an der Praterstrasse 70 ist historischer Prunk und Hipster-Laden zugleich. Hier kann man wunderbar Wiener Melange schlürfen und sich überlegen, eine überteuerte Polaroidkamera zu kaufen. Im Shop dreht sich alles um Fotografie, an der Theke alles um Kaffee. Gestatten, das Café Jelinek. Im Jelinek treiben sich keine Literaten, sondern viele (ewige) Studenten herum. Neben mir sitzt an jenem Morgen eine Soziologiestudentin mit einem Nasenring aus Holz. Ihre Lektüre: Marxismus für Anfänger. Statt für Karl Marx schwärme ich allerdings eher für den heissen Ofen im Jelinek. Das Café befindet sich im 6. Bezirk an der Otto-Bauer-Gasse 5. Besonders gut ist auch der Apfelstrudel. Das Kaffemik an der Zollergasse 7 im hippen 7. Bezirk der Stadt Wien setzt für einmal nicht auf einheimische Tadition – sondern auf Kaffee-Kultur aus Grönland. Wenn in Grönland jemand ein «Kaffemik» veranstaltet, kommen Leute vorbei, bleiben für einen Kaffee und ein Gespräch und dann gehen sie wieder, erzählt mir der Barista. Dasselbe Konzept gilt im Wiener Lokal Kaffemik. Das Café ist puristisch eingerichtet, und es herrscht akuter Platzmangel. Wer nicht sitzt, trinkt seinen Espresso im Stehen an der Theke. An sogenannten Tasting-Tuesdays dürfen Gäste wöchentlich unterschiedliche Kaffeesorten ausprobieren. Hipster-Faktor 10! «Jö schau, so a sau, jössas na, was macht a Nackerter im Hawelka», sang der österreichische Liedermacher Georg Danzer auf seinem Kult-Lied «Jö schau». Das gemütliche Kaffeehaus Hawelka ist seit 1936 in Besitz der Familie Hawelka und der Inbegriff des Wiener Künstler- und Halunken-Cafés. Hier stieg so ziemlich alles ab, was die Kulturszene in Wien während der Nachkriegszeit und darüber hinaus zu bieten hatte. Und es wurde auf den Tischen getanzt, erzählt man mir. Auch aus dem Ausland waren Berühmtheiten wie Andy Warhol oder Arthur Miller schon zu Gast. Berühmt ist das Hawelka für seine Germknödel, sogenannte Buchteln, die es allerdings immer nur abends gibt. Tapetenwechsel: «Griass eich die Madln, servas die Buam – willkommen in der Vollpension!» Hier herrscht der totale Oma-Kitsch. Das Kaffeehaus Vollpension in der Schleifmühlgasse 16 in Wien vereint das junge Volk mit den älteren Generationen, um die Gäste mit den traditionellen Rezepten, darunter vor allem Mehlspeisen, zu verwöhnen. Die Idee hinter dem Café Vollpension ist folgende: Ältere alleinstehende Damen und Herren, die gerne backen oder einfach nur Gesellschaft suchen, sind auf Teilzeitbasis im Lokal angestellt, um sich etwas Geld zu ihrer Pension dazu zuverdienen. Die Älteren backen und die Jungen, tja, die verschlingen das gute Zeug. Der Laden ist unter den Wienern äusserst beliebt. Bei Jung und Alt, versteht sich. Hereinspaziert ins Café Fürth. Auch hier steht ein Konzept dahinter. Der Betreiber Charles Fürth röstet seinen Kaffee selbst. Das Lokal zählt zu den sogenannten Third Wave Coffeeshops. Eine Bewegung, die für die Produktion von hochqualitativem Kaffee steht, und die Kaffee, ähnlich wie Schokolade oder Wein, als Genussmittel und nicht als blosse Ware betrachtet. Natürlich hat Meister Fürth eigene Kaffeemischungen im Angebot: «Ich bin Alchemist, verstehen Sie?», erzählt er. Seine Wachmacher-Mischung nennt er je nach Dosierung und Stärke Zündstöff, Treibstoff und Kraftstoff. Sie werden sich fragen, was macht das Büro da hinten im Café? Das Fürth beherbergt momentan grad noch Ican Austria, eine Kampagnen-Organisation zur Abschaffung von Nuklearwaffen. Die trinken natürlich auch Kaffee! Eine Institution am Franziskanerplatz ist das Lokal namens Kleines Café. Älteren Semestern dürfte es aus dem Liebesfilm «Before Sunrise» mit Ethank Hawke bekannt sein. Wer nicht unter Platzangst leidet, ist hier goldrichtig. Zum Schluss noch ein ganz besonderes Schmankerl, wie man hier in Wien zum Leckerbissen sagt. Gestatten, das Café 7 Brunnen. Tür auf und Platz nehmen. Das Café 7 Brunnen hat keine Berührungsängste mit Kitsch, wie die Innendekoration verrät. Es wird gequalmt wie in Zeiten des Kaiserreichs und so ziemlich jeder Gast verwickelt jemanden anderes in ein Gespräch. «Wie geehts dir, Gustl?», fragt die Bardame einen Gast an der Theke. «Alles Wuascht, mein Schatzerl, I nehm a Fiaker, sei so lieb», antwortet der. Das Lokal in der Nähe des Matzleindorferplatzes im Bezirk Margareten besticht durch sein gemütliches ungezwungenes Ambiente. Hier bleibt man bis spät in die Nacht sitzen.

Fehler gesehen?

Schon Stefan Zweig wusste Wien für seine Kaffeehäuser zu schätzen. In seiner Autobiografie «Die Welt von Gestern» schwärmt der Schriftsteller 1942 zu Recht, dass das Wiener Café eine Institution besonderer Art darstellt. Eine, «die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist».

Seit den Tagen von Stefan Zweig hat sich in der Donau-Metropole natürlich einiges getan. Geblieben ist der Gang der Wiener ins Café. Leute eben, die zum Alleinsein Gesellschaft suchen.

Anders als in einem gewöhnlichen Lokal, so Zweig, ist es in den Kaffeehäusern Wiens durchaus üblich, dass ein Gast, der nur einen Kaffee bestellt hat, eine halbe Ewigkeit an seinem Tisch sitzen bleiben darf. Auch das hat sich nicht geändert.

Kaffee-Vokabular

Für einen Zugereisten wie mich eine wunderbare Entschleunigung vom hektischen Alltag also. Beim Streifzug entlang berühmter und weniger berühmter Cafés in der momentan «oaschkalten» Hauptstadt Österreichs entlarve ich mich allerdings als blutiger Anfänger in Sachen Kaffeegenuss.

«Einen Espresso, bitte», sage ich im Café Korb, nachdem mir der Herr Ober seine bestimmt 20-minütige Nichtbeachtung geschenkt hat. Er trägt Fliege und Frack und schaut mir tief in die Augen. «Anen Kurzan, meinen Sie, net?», bellt er schliesslich. Kleinlaut pflichte ich ihm bei.

In Wien kommen Kaffee-Aficionados auf ihre Kosten. Und wie überall im Leben ist das richtige Vokabular auch hier von Vorteil. Es gibt den Einspänner, das Schalerl Gold mit Sahne, den kleinen oder grossen Braunen, die berühmte Wiener Melange oder den Fiaker, ein Mokka im Glas mit viel Zucker und einem Stamperl Sliwowitz. Und halt eben: «Anen Kurzan.» Orientierung gibt es hier.

Kaiser Franzl

Das besagte Café Korb im ersten Bezirk unweit der majestätischen Wiener Hofburg ist ein im 50er-Jahre-Stil eingerichtetes Künstler-Café, das auf eine lange Geschichte zurückblicken darf. Zur Eröffnung schaute 1903 niemand Geringeres als Kaiser Franz Josef vorbei.

Seit knapp 20 Jahren gehört das Café Susanne Widl, eine Wiener Grand Dame und früheres It-Girl aus den 80ern. Die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nannte Widl einst die dämonische Schönheit, eine Schutzheilige des Cafés Korb. Leider kriege ich an diesem Tag nur Fotos von ihr zu sehen, die Femme fatale glänzt durch Abwesenheit.

Literaten und Revoluzzer

Unweit vom Korb liegt direkt an der schmucken Herrengasse das Palais Ferstel und im Erdgeschoss das Café Central, der Inbegriff des Wiener Traditionscafés. Hier tummelten sich um 1900 berühmte Denker und Revolutionäre.

Unter den Centralisten, wie die späteren Promis in Anlehnung an das Café genannt wurden, finden sich historische Persönlichkeiten wie Lenin und Trotzki, aber auch grosse Schriftsteller wie Franz Kafka und Robert Musil. Auch Sigmund Freud, Vater der Psychoanalyse, war hier zu Gast. Das Palais Ferstel ist im Jahr 1860 im Neo-Renaissance-Stil erbaut worden, wenige Jahre danach wurde das Café Central eröffnet.

Heute wird das berühmte und riesige Kaffeehaus mit seiner prächtigen Säulenhalle vor allem von asiatischen Touristen heimgesucht. Doch wer weiss, vielleicht sitzt hier unter den Gästen schon der nächste Kafka und schlürft seinen Kaffee. Von der Schweiz aus können Sie das Café Central zumindest virtuell inklusive Klaviermusik erleben, dafür klicken Sie hier.

Über weitere Cafés, von historisch bis modern und elegant bis ranzig, lesen Sie in der Bildstrecke.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Martial2 am 11.03.2018 17:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wien eine fantastische schöne Metropole...

    Wir haben diese Kaffeehäuser selbst besucht es ist: Eine wahre Wucht, mit Ambiente zum Teil wie bis ins 18. Jahrhundert zurück, ein angenehmer Kaffeegeruch, die Garçons sind stilgerecht angezogen. Alles stimmt Qualität und Service, eine Erlebnis wert...!

  • Maler50 am 11.03.2018 17:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unbedingt

    Wer in Wien verweilt muss unbedingt ein solches Kaffeehaus besuchen, eindrucksvoll! Teuer zwar y Zeit darf keine Rolle spielen aber genau dies ist ja interessant!

  • jadehunter am 11.03.2018 18:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wien ohne diese Institutionen

    geht gar nicht ... Schade, dass es das bei uns in der Schweiz nicht haeufiger gibt !

Die neusten Leser-Kommentare

  • Meliert am 12.03.2018 19:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Golegg

    Das Café Goldegg im 4. Bezirk ist sehr sehenswert, wir hatten gerade letzten Sonntag ein herliches Frühstück dort! Es ist seit 1910 kaum verändert worden, schön, dass es noch im Originalzustand ist!

  • Elle am 12.03.2018 16:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heiner

    KuK Hofkonditorei Heiner, kann ich jedem empfehlen. 1a Süssspeisen

  • Tatjana Mahr am 11.03.2018 22:14 Report Diesen Beitrag melden

    Wiener Kaffeehaus in Romanshorn

    Das erste internationale Mitglied des Klubs der Wiener Kaffeesieder und somit Vertreter des immateriellen Weltkulturerbes der Unesco, befindet sich in Romanshorn. Das Wiener Kaffee Franzl bietet alles was man aus Wiener Kaffeehäuser kennt. Wenn einem die Reise nach Wien zu weit ist, auf nach Romanshorn!

  • ESD am 11.03.2018 21:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hotel Sacher

    Hier fehlt eindeutig das Café Sacher!

  • StefanS am 11.03.2018 20:04 Report Diesen Beitrag melden

    Hipster

    Bild 20, Wiener Lokal Kaffemik und jetzt? Den Espresso im stehen trinken und mehrere Kaffesorten anzubieten soll etwas besonderes sein? Hipster-Faktor 10! Das ich nicht lache... Das bietet jede Bar in Italien auch an, haben diese jetzt auch einen Hipster-Faktor?

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