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Yoga gegen Brustkrebs

03. Juni 2018 13:06; Akt: 03.06.2018 13:06 Print

«Yoga kann helfen, sich liebevoll zu begegnen»

von Sulamith Ehrensperger - 6000 Frauen erkranken in der Schweiz jedes Jahr an Brustkrebs. Stefanie Costanzo über den Nutzen von Yoga bei Krebspatienten.

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Yoga im Zeichen der Brustkrebsprävention: 160 Frauen und Männer versammelten sich zum Pink-Ribbon-Charity-Yoga-Event im Sihlcity in Zürich. (Bild: Claudio Thoma)

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Stefanie Costanzo, wie unterstützen Sie an Brustkrebs erkrankte Frauen mit Yoga?
Ich möchte das Geschenk des Yoga weitergeben. Viele denken bei Yoga an komplizierte Posen und Verrenkungen. Das muss nicht sein. In meinen Kursen biete ich Varianten an, die für alle Frauen machbar sind. Mit gewissen Hilfestellungen kommen die Frauen in den Positionen an und können loslassen. Das Schöne: Für einen positiven Effekt spielt es keine Rolle, ob wir mit oder ohne Hilfsmittel arbeiten. Wichtig ist, dass die Frauen in die Position kommen und sich entspannen.

Umfrage
Praktizieren Sie Yoga?

Können Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind, überhaupt Yoga praktizieren?
Ja, unbedingt. Es wird in der Krebstherapie explizit darauf hingewiesen, wie wichtig Bewegung ist. Die Leistungsfähigkeit und das Selbstbewusstsein werden verbessert und die Lebensqualität erhöht. Wichtig ist, dass die Frauen den Mut haben, der Lehrerin von ihrer Krankheit zu erzählen oder bei jemandem praktizieren, der spezialisiert ist. Nur so können sie sich aufs Yoga einlassen – und loslassen.

Yoga ist kein Allheilmittel, ein bisschen «Om» und auch kein reiner Sport. Aber was ist es dann? Und warum hilft es den Patientinnen?
Man weiss, dass eine Krebskrankheit einen Schock auslöst. Die Frauen sind voller Angst. Die Stresshormone sind sehr hoch. Auch Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit, Nervosität, Unruhe und negative Emotionen erleben sie. Studien haben nachgewiesen, dass Yoga die Stresshormone senken kann. Deshalb praktizieren wir auch Yoga, um den Körper auszubalancieren. Meine Teilnehmerinnen sagen immer, dass sie nach dem Yoga am besten schlafen.

Was unterscheidet Yoga von anderen Bewegungskonzepten, beispielsweise Physiotherapie?
Grundsätzlich tut während einer Therapie jede Bewegung gut. Die Physiotherapie setzt dort an, wo eine bestimmte Körperstelle schmerzt, also eher lokal. Im Yoga ist der ganze Körper im Fokus, auch das Seelische. Nicht nur der Körper erkrankt, sondern auch die Seele. Während einer Krebstherapie steht vor allem der Körper im Vordergrund: bei Behandlung, Bestrahlung oder Chemotherapie. Yoga schenkt Zeit innezuhalten und den Körper wahrzunehmen.

In der Schweiz erkranken jährlich etwa 6000 Frauen an Brustkrebs. Viele erleben Krankheit und Therapie als Angriff auf die Weiblichkeit.
Viele Frauen berichten von einem veränderten Körpergefühl. Manche haben mit dem veränderten Körper Mühe; manche finden sich nicht mehr schön. Yoga kann helfen, sich liebevoll zu begegnen und wieder zu sich selbst zu finden. Aber das ist ein Prozess, der nicht nach einer Stunde passiert.

Es gibt unzählige Yogastile. Welche empfehlen Sie für Brustkrebspatientinnen?
Der Stil ist sicher wichtig, ohne zu werten. Ich würde keiner krebskranken Frau empfehlen, im Fitnessstudio ein Power- oder Vinyasa-Yoga zu praktizieren. Ich selbst unterrichte Yin-Yoga und
sanftes Hatha-Yoga. Im Yin-Yoga gibt es viele öffnende Haltungen, die dem Körper bewusst Zeit lassen, in einen meditativen Zustand zu kommen. Es hilft, die Weiblichkeit zu entdecken. Im Hatha-Yoga wird der Körper gestärkt und die Kraft nimmt zu. Eine schöne Kombination, um den Atem frei fliessen zu lassen – Körper und Geist kommen so in Harmonie.

Yoga liegt im Trend und wird auf der ganzen Welt in allen möglichen Varianten praktiziert. Und doch schwingt oft ein Hauch von Esoterik mit.
Ich glaube, dass alle unter Esoterik etwas anderes verstehen. Yoga steht allen offen. Alle können ihre Spiritualität hineinbringen oder auch nicht. Doch was soll esoterisch daran sein, wenn ich meine Körperwahrnehmung schule, auf den Körper achte oder nach Innen schaue? In meinen Kursen jedenfalls muss man niemanden anbeten – ausser vielleicht sich selber.

Vielen Menschen fällt es schwer, das Gegenüber auf die Krebserkrankung anzusprechen. Wie erleben Sie den Kontakt in den Yogastunden?
Zu mir kommen Frauen mit einer Erkrankung und solche, die den Krebs besiegt haben. Immer wieder entstehen tiefe Freundschaften, weil sich die Frauen im Yoga öffnen. Ich empfange jede Frau ganz offen und sehe ihre Schönheit. Ich merke, wie sie sich entspannen. Vielleicht auch die Perücke oder die Prothese ablegen. Das grösste Geschenk ist, wenn ich nach der Stunde in die strahlenden Augen blicke.

Das Interview fand im Rahmen eines Yoga-Charity-Events von Pink Ribbon Schweiz in Zürich statt.