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30. Juni 2018 23:07; Akt: 09.07.2018 09:51 Print

Von der Angst, in der Öffentlichkeit zu essen

von Jürg Hösli - Geht es um die Ernährung, müssen sich übergewichtige Menschen so einiges anhören. Viele schämen sich, unterwegs zu essen.

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Geht es um Ernährung, wissen es alle besser. Immer mehr Menschen schämen sich, vor den Augen anderer zu essen. (Bild: Kizilkayaphotos)

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Übergewichtig zu sein ist heute oft ein Spiessrutenlauf. In der Öffentlichkeit werden adipöse Menschen immer mehr gemobbt. Der Satz «Jeder ist selbst schuld, wenn er übergewichtig ist» stellt ein Ausgrenzen dar. Er stempelt andere als Sündenbock ab und schafft statt Lösungen erst recht neue Leiden.

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Schämen Sie sich, in der Öffentlichkeit zu essen?

Ein typisches Beispiel: Eva, 160 Zentimeter gross, 105 Kilo schwer. Ihr gegenüber sitzt Adam, 186 Zentimeter gross, 78 Kilo schwer und sportlich. Eva sitzt im Zug von Bern nach Zürich. Ihr Gegenüber isst genüsslich ein Laugensandwich und nippt Cola. Ihr Magen beginnt zu knurren, weil sie lange nichts gegessen hat. Sie schämt sich allerdings, in der Öffentlichkeit zu essen. Zu oft hat sie schiefe Blicke geerntet, weil sie zu dick sei. Doch Eva nimmt ihren ganzen Mut zusammen und packt einen Apfel aus. Adam schaut sie darauf mit einem hämischen Blick an und sagt: «Wenn ich die ganze Zeit zwischendurch essen würde, wäre ich auch so dick!» So eine oder ähnliche Situationen geschehen hundertfach jeden Tag. Dass bei Eva an diesem Abend ein Frustessen folgt, liegt auf der Hand.

Geht es ums Essen, wissen es alle besser

Heute werden Menschen verurteilt, ohne dass ihre Geschichte gekannt wird. Jeder hat das Gefühl, ein kleiner Ernährungsberater zu sein. Für die Lösung des gordischen Knotens halten Laienberater den Tipp: «Du musst nur weniger Kalorien essen, als du verbrauchst», auch wenn sich im Klinikalltag diese vermeintliche Tatsache als falsch herausstellt. Es geht vielmehr um die Regeneration eines physiologischen und psychologischen Systems. Doch jeder, der einmal für sich selbst gekocht hat, fühlt sich berufen, über Ernährung und Körperfettreduktion genauestens Bescheid zu wissen. Wenn es wirklich so einfach wäre, warum sind immer mehr Menschen adipös?

Weil Einsamkeit, Stress und existenzielle Ängste ebenso der Nährboden von Übergewicht sind wie Zucker und Fast Food. Hauptsache, wir können Zucker und Schnellimbissketten an den Pranger stellen, anstelle unserer Gesellschaft und unserer «modernen Veränderungen». Immer mehr Menschen werden übergewichtig, gerade weil sie tagsüber zu wenig essen, sich zu wenig Zeit nehmen oder nehmen können. Am Abend folgt dann die logische Überkompensation. Das Endresultat sehen wir in der jährlichen Statistik zum Übergewicht.

«Iss nichts und du nimmst ab»

Was passiert, wenn unsere Eva nun die Ernährung mithilfe einer professionellen Ernährungsberatung umstellen will? Für sie beginnt der Spiessrutenlauf. Sie hat nun grössere Portionen über den Tag und zusätzlich Zwischenmahlzeiten. Das Ziel ist es, dass sie am Abend kaum noch Hunger hat. Doch ihr Umfeld sieht nur, dass Eva deutlich mehr isst. Und natürlich geht das gar nicht.

Wir leben bekanntlich in einer Gesellschaft voller Laien-Ernährungsberater. Darum erhält Eva nun bestenfalls noch gut gemeinte Ratschläge: Zwischenmahlzeiten seien falsch, bloss kein Frühstück essen, vegan sei die einzige und Low Carb die beste Variante. Weizen müsse absolut vermieden werden und Milch bringe den Teufel. Natürlich bringen solche Aussagen Eva durcheinander. Doch was sie richtig stresst, sind die Blicke ihres Umfelds. Sie scheint zu wissen, was die Menschen denken: «Iss nichts und du nimmst ab.» Sie grenzt sich immer mehr aus, was auf Dauer verhindert, dass sie abnehmen kann.

Wir sollten lernen, unsere Mitmenschen in solch einer Situation emotional auf ihrem Weg zu unterstützen, statt ihnen besserwisserische Ratschläge zu geben. Wer einfach sagt: «Iss weniger und du nimmst ab», begeht übles Mobbing, welches das Abnehmen erst recht verhindert.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ciri am 30.06.2018 23:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aber sowas von!

    Danke für den super Text! Hier ist so viel wahres dabei! Schuld ist auch, dass man anderen immer gefallen will und dadurch in der Teufelspirale landet. Anstatt für sich selber zu achten!

  • Käty am 30.06.2018 23:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja.

    Dieser Beitrag trifft den Nagel auf den Kopf

  • Female pothead am 01.07.2018 10:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Ganze...

    ...geht auch umgekehrt. Bodyshaming kann in beide Richtungen gehen. Einer etwas dünneren Person zu sagen "iss endlich mal was" hilft ihr übrigens nicht, wenn sie Probleme beim Zunehmen hat. Danke für diesen Artikel, sehr wichtig, dass dies mal zur Sprache gebracht wird!

Die neusten Leser-Kommentare

  • El_Gato_Negro am 02.07.2018 12:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naja

    es geht mehr darum , das wir zuerst auf unsere eigenen probleme schauen . statt sich um andere zu kümmern. aber anscheinend ist das eigene leben zu uninteressant..

  • Frtz am 02.07.2018 10:36 Report Diesen Beitrag melden

    Essen im ÖV

    In Zug und Bus isst man nicht, das ist eine Belästigung der Mitreisenden. nur so wegen dem Symbolbild.

  • MArtin am 02.07.2018 08:24 Report Diesen Beitrag melden

    Jeder ist ein Weltverbesserer

    Ich find es immer wieder Lustig wie mir andere Menschen erklären oder vorschreiben wollen wie ich mein Leben "richtig" zu Leben habe. Junge, du musst Reisen und die Welt erkunden! Warum? Du musst mehr in die Natur! Warum? Mach was auf deinem Leben! Warum? Ich lebe so wie ich will. Punkt!

  • s.s. am 01.07.2018 19:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    guter artikel

    Vielen dank für den artikel. endlich jemand, der es versteht. wenn jemand so viel isst, hat es meistens psychologische gründe (einsamkeit etc). ich weiss dies aus erfahrung, war auch mal 30 kg schwerer und solche möchtegern klugen spürche wie "du musst mehr kalorien verbrauchen als du zu dir nimmst, es ist ganz EINFACH" helfen überhaupt nicht! wenn's so einfach wäre, würden es viel mehr leute schaffen abzunehmen.

  • Max am 01.07.2018 15:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zucker

    Bin selbst schon ein Leben lang übergewichtig, konnte aber im letzten Jahr 15kg abnehmen in dem ich auf Zuckerhaltige Nahrung grössten Teils verzichte. Es ist für mich kein grösseres Problem, da ich gut am Morgen die Konfitüre durch Käse ersetzen kann oder das gesüsste Joghurt durch nature Joghurt mit frischen Früchten. Anstatt zum Zvieri Nüsse statt Schokolade usw. Ich selbst habe zu wenig Disziplin etwas langfristig durchzuziehen, bei dem ich das Gefühl habe ich verzichte auf etwas. Da ich aber gemerkt habe, dass sich mein Geschmackssinn verbessert hat, ist die Lust auf Zucker gesunken