Finma kritisiert Raiffeisen

14. Juni 2018 07:05; Akt: 14.06.2018 07:45 Print

«Aufsicht über Pierin Vincenz vernachlässigt»

Die Finma stellt fest, dass die Raiffeisen Bank ihre Interessenkonflikte ungenügend gehandhabt hat und spricht von «schwerwiegenden Mängeln».

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Die Finma stellte bei der Bank Raiffeisen schwerwiegende Mängel fest – unter anderem sei die Aufsicht über den ehemaligen CEO Pierin Vincenz vernachlässigt worden. Pierin Vincenz – hier ein Foto von 2016 – sass 106 Tage in Untersuchungshaft und ist nun wieder auf freiem Fuss ... ... eventuell könnte er nach der U-Haft auch wieder ins Ausland reisen. Laut Experten ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass bei Vincenz Fluchtgefahr besteht. Zugriff auf seine Konten dürfte Vincenz weiterhin nur beschränkt haben. Zum Mitverdächtigen Beat Stocker, dem ehemaligen Chef der Aduno-Gruppe, dürfte Vincenz eine Kontaktsperre auferlegt worden sein. Stocker kam zeitgleich aus der U-Haft frei. Der Verdacht: Die Verkaufsgeschäfte zwischen Raiffeisen und der Aduno-Gruppe könnten Vincenz Millionen beschert haben. Der Churer war von 1996 bis 2015 bei der Raiffeisen tätig. 106 Tage war Pierin Vincenz in Untersuchungshaft. Was hatte die lange U-Haft zu bedeuten? «Wenn eine Leiche am Boden liegt, ist meist schnell klar, dass es um ein Tötungsdelikt geht», sagt Peter V. Kunz, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Bern. Wenn die Indizien hingegen E-Mails oder Verträge seien, gebe es oft . Zudem könne es vorkommen, dass im Lauf der Untersuchung neue Fakten oder Verdachtsmomente auftauchen. «Aus der Länge der U-Haft kann aber nichts abgeleitet werden, was selber anbelangt», erklärt der Experte. «Nein, das ist in meinen Augen sicherlich nicht der Fall», sagt Kunz. «U-Haft ist für einen Normalbürger eine existenzielle Erfahrung – darum gibt es Leute, die sich am Anfang der Haft etwas antun wollen», sagt Benjamin F. Brägger, Experte für Freiheitsentzug. Untersuchungshäftlinge seien in der Regel . «Wenn man Glück habt, bekommt man eine Normzelle von 12 Quadratmetern, aber die meisten Zellen sind 6 bis 9 Quadratmeter gross.» Häftlinge haben Anspruch auf eine Stunde Spaziergang im Hof. Je nach Anstalt gebe es noch Sport-Angebote, so Brägger. In der Zelle habe es meistens einen Fernseher. Des Weiteren konnte Vincenz sich aus der Bibliothek oder von draussen bestellen. Wenn Vincenz mit einem Computer arbeiten wollte, benötigte er dafür eine Bewilligung. dürfte er aber wegen der bestehenden Verdunkelungsgefahr nie bekommen haben. «Zürich ist verglichen mit dem Rest der Schweiz in Sachen U-Haft eher hart», so Brägger. So herrsche zum Beispiel ein teilweise nicht zu rechtfertigen. «Die Isolation und das Nichtstun, in Kombination mit der Unsicherheit über die eigene Zukunft, stellen dar», sagt Kunz. Bei der U-Haft nimmt die Wahrheitsfindung einen höheren Stellenwert ein als die Freiheit des Einzelnen, erklärt Experte Brägger. , würde ihm finanzielle Genugtuung und Schadenersatz für entgangenen Lohn zustehen.

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Die Finanzmarktaufsicht Finma sieht bei Raiffeisen schwerwiegende Mängel in der Unternehmensführung. Die Bankengruppe habe Interessenkonflikte ungenügend gehandhabt. Zudem habe der Verwaltungsrat der Bank die Aufsicht über den ehemaligen CEO Pierin Vincenz vernachlässigt, heisst es in dem am Donnerstag veröffentlichten Enforcement-Bericht der Behörde. Die Finma verfügt nun Massnahmen zur Verbesserung der Corporate Governance. Raiffeisen anerkennt die Verfügung.

Die Finma hatte ihr Verfahren im Jahr 2016 wegen Hinweisen auf mögliche Interessenkonflikte eingeleitet. Raiffeisen hatte unter der Führung von Vincenz eine Vielzahl an Beteiligungen aufgebaut. Dies habe oft zu «Rollenkumulationen und Interessenkonflikten» geführt, stellt die Behörde fest. Die Finma sieht auch ungenügendes Risikomanagement bei Kreditvergaben an Vinzenz und weiteren Personen, auch habe die Aufsicht über den CEO in anderen Bereichen nicht funktioniert.

Funktionen ungenügend wahrgenommen

Insgesamt habe der Raiffeisen-Verwaltungsrat seine Funktion als Oberleitungs-, Aufsichts- und Kontrollorgan der Bank insbesondere im Zeitraum von 2012 bis 2015 ungenügend wahrgenommen, stellt die Finma fest. «Damit ermöglichte es der Verwaltungsrat dem ehemaligen CEO zumindest potenziell, eigene finanzielle Vorteile auf Kosten der Bank zu erzielen.»

Hauptgegenstand des Verfahrens war die Beteiligung der Bank an den Gesellschaften Investnet, KMU Capital und Investnet Holding. Besonders im Fokus sei die Rolle des ehemaligen CEO gelegen, namentlich wegen dessen eigener Beteiligung als Minderheitsaktionär an der Investnet Holding.

Massnahmen verfügt

Die Finma verfügt nun verschiedene Massnahmen «zur Wiederherstellung des ordnungsgemässen Zustands». So muss sich der Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz erneuern und fachlich verstärken, mindestens zwei Mitglieder müssen angemessene Erfahrung im Bankwesen haben. Zudem wird die Bank verpflichtet, die Vor- und Nachteile einer Umwandlung von Raiffeisen Schweiz in eine Aktiengesellschaft vertieft zu prüfen.

Gegen Vincenz selbst hatte die Finma ein Verfahren schon im letzten Dezember eingestellt. Der Grund dafür war laut der Finma, dass Vincenz öffentlich einen lebenslangen Verzicht auf Führungspositionen in der Finanzbranche erklärt hatte. Damit wurde das Verfahren laut der Behörde gegenstandslos.

Vincenz war am Dienstag aus der Untersuchungshaft entlassen worden, nachdem er Ende Februar verhaftet worden war. Die Zürcher Staatsanwaltschaft führt eine Untersuchung wegen des Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung. Vincenz soll sich bei Firmenübernahmen der Kreditkartengesellschaft Aduno und der Investmentgesellschaft Investnet persönlich bereichert haben, so der Vorwurf. Er bestreitet alle Vorwürfe. Die Untersuchung sei «weit fortgeschritten», teilte die Zürcher Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit.

Keine Indizien gegen aktuelles Management

Der aktuelle Raiffeisen-CEO Patrik Gisel wird in der Medienmitteilung nicht namentlich erwähnt. Ob die Finma weitere Verfahren gegen Einzelpersonen eröffnen werde, werde sie erst nach Vorliegen der internen Untersuchung der Bank entscheiden, wird jedoch betont.

Bis jetzt habe sie keine Anhaltspunkte, «die ein aufsichtsrechtliches Verfahren gegen heutige Führungskräfte der Raiffeisen Schweiz rechtfertigen würden».

Raiffeisen anerkennt Verfügung

Raiffeisen anerkennt die Finma-Verfügung. Entsprechende Verbesserungsmassnahmen seien eingeleitet und zum Teil bereits umgesetzt worden, teilt das Institut separat mit.

(kaf/ap)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Henry am 14.06.2018 08:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auftrag Finma?

    Was machen die denn den ganzen langen Tag?

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  • G. Lesen am 14.06.2018 08:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es zeigt sich

    dass alle führenden Köpfe verbrecherisches Potenzial haben. Warum ? Ansonsten würde nicht immer nach nehr Kontrolle gefordert. Also man hat kein Vertrauen zu den Wirtschaft- und Politkbossen.

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  • milo am 14.06.2018 08:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ging in die hose

    verwundert nicht. raiffeisen wollte super league spielen mit 4. liga schiedsrichtern (verwaltungsrat). das ging dann wohl in die hose. der schlusspfiff ist aber noch nicht erfolgt. es geht weiter.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Martin L. am 14.06.2018 19:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    RAIFFEISEN tschüss

    Bin gespannt wie lange es dieses Institut noch gibt.

  • Martin Landbold am 14.06.2018 18:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Firlefanz

    Wie lautet jetzt die Anklage,wahrscheinlich muss der Staat noch einiges an Herrn Vincenz zahlen,jeder unnötige Tag in der Untersuchungshaft 10,0000 Fr,

  • Unternehmer 2 am 14.06.2018 16:19 Report Diesen Beitrag melden

    Raiffeissen und Post, Unterschiede?

    Bei der Raiffeisenbank geht es um Vernetzungen und Verstrickungen. Dies wird oft gemacht um das Kerngeschäft in schwierigen Zeiten nicht zu gefährden, ich finde es ist nicht ganz korrekt. Wir sollten aber ein Vergleich zur Post machen, nur da ging es nicht um das Risiko, sondern um Subventionen. Der Vergleich Vincent co. und Ruoff co. wäre angebracht.

  • Lore Hofer am 14.06.2018 15:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kiste

    Das alles war noch kein Grund für die lange UHaft oder?

  • PS;L am 14.06.2018 15:29 Report Diesen Beitrag melden

    Verhältnisblödsinn

    Einen Rüffel und bei dem wird es wohl bleiben - In der Schweiz ist organisiertes Verbrechen Programm, ein Kavaliersdelikt, aber wehe der gute man wäre etwas zu schnell gefahren...