Label-Wirrwarr

09. Februar 2018 15:36; Akt: 09.02.2018 15:36 Print

Bauern streiten über Label für faire Milch

von R. Knecht - Was ist ein fairer Milchpreis? In der Schweiz gibt es nun bereits drei Labels, die unterschiedliche Antworten geben.

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Neun Bauern lancierten am Donnerstag die Initiative Fair. Sie bringen bereits das dritte Schweizer Label für faire Milch auf den Markt. Das Label soll dem Konsumenten signalisieren, dass die Bauern für die Milch mindestens 75 Rappen pro Liter erhalten. Bauern kämpfen schon lange um mehr Geld für die Milch – im Bezirk Affoltern hat eine Genossenschaft im Dezember bereits faire Milch lanciert. Das Produkt heisst «Di fair Milch Säuliamt» und wird in Volg-Filialen im Bezirk Affoltern im Kanton Zürich für 1.90 Franken verkauft. Beim Verkauf dieser Milch landen 80 Rappen pro Liter beim Bauern, also 5 Rappen mehr als beim Label der Initiative Fair. «Wir haben uns diese 80 Rappen pro Liter Milch nicht aus den Fingern gesogen, sondern den Wert anhand der Vollkostenrechnung von Markus Höltschi vom Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung Hohenrain berechnet», sagt Werner Locher, Präsident der Genossenschaft Faire Milch Säuliamt zu 20 Minuten. Im Sommer 2017 führte Aldi bereits ein Label namens «Fair Milk» ein. Bei Milch mit dem Logo sollen derzeit pro Liter 73 Rappen an die Bauern gehen, wie Aldi Suisse mitteilt. Für den Konsumenten dürfte der Label-Salat eher hinderlich als informativ sein: «Mittlerweile gibt es so viele Labels, dass kaum jemand mehr weiss, was dahinter steckt», sagt Babette Sigg, Präsidentin des Schweizerischen Konsumentenforums, zu 20 Minuten. Bisher habe die Initiative Fair noch keine Zusagen von Verteilern erhalten, sagt Initiantin und Bäuerin Priska Wismer-Felder. Sie hofft, dass das Label in wenigen Jahren in den Läden zu finden sein wird, stellt sich jedoch darauf ein, dass es merklich länger dauern könnte. Zweifel am Label hat sie jedoch keine: «Die Idee ist so gut, dass sie sich durchsetzen wird.» 20 Minuten hat bei Coop und Migros angefragt, ob sie daran interessiert seien, das Label bei ihren Produkten einzusetzen. Migros sagt, das Unternehmen werde die allfällige Aufnahme des Labels prüfen. Bei Coop hies es hingegen: «Wir setzen auf unsere Mehrwertmilch-Labels wie Bio (Naturaplan), Demeter, Pro Montagna und Heumilch.»

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Im langjährigen Kampf um einen fairen Milchpreis gibt es einen neuen Mitstreiter seitens der Bauern: Eine Gruppe von Bauern und Bäuerinnen hat am Donnerstag die Initiative Fair ins Leben gerufen. Ihr Anliegen ist es, dass Milchproduzenten mindestens 75 Rappen pro Liter Milch erhalten. Produkte, die dieser und weiteren Anforderungen (siehe Box) entsprechen, dürfen mit dem neuen Label «Fair» versehen werden.

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In der Schweiz ist das bereits das dritte Milch-Label, das dem Konsumenten signalisieren soll, dass der Bauer für das Produkt einen fairen Preis erhält. Aldi führte im Sommer letzten Jahres «Fair Milk» ein und im Zürcher Bezirk Affoltern gibt es seit Dezember die «Faire Milch Säuliamt» unter anderem im Volg und in der Landi zu kaufen.

Wie viel Rappen pro Liter sind fair?

Trotz der ähnlichen Namen gibt es massgebliche Unterschiede zwischen den Labels. Schon bei der Frage, was ein fairer Preis überhaupt ist, gehen die Meinungen auseinander. Die 75 Rappen pro Liter der Initiative Fair liegen dabei zwischen den derzeit 73 Rappen bei Aldi und den 80 Rappen im Säuliamt.

«Man muss bei diesen Preisen die Differenz zum heutigen Umfeld sehen», sagt Stefan Hagenbuch, Direktor des Verbands Swissmilk, zu 20 Minuten. Laut Initiative Fair erhalten Bauern häufig nur 56 Rappen pro Liter. Entscheidend sei nicht der letzte Rappen, sondern der Unterschied zu den herkömmlichen Preisen in der Branche, erklärt Hagenbuch.

Ein Schweizer Milchbauer, der anonym bleiben möchte, ist da allerdings anderer Meinung: «Beim Milchpreis zählt jeder Rappen», findet er. 80 Rappen seien dabei das Minimum, das Bauern brauchen. Andere Labels, die dieses Minimum nicht einhalten, würden den Begriff «fair» verwässern.

Die Konsumenten wissen kaum, was die Labels bedeuten

Auch für den Konsumenten dürfte der Label-Salat mehr hinderlich als informativ sein: «Mittlerweile gibt es so viele Labels, dass kaum jemand mehr weiss, was dahinter steckt», sagt Babette Sigg, Präsidentin des Schweizerischen Konsumentenforums, zu 20 Minuten. Der Kunde müsse sich jeweils selbst informieren, was ein Label wirklich bedeutet. Das dürfte bald auch bei der Milch der Fall sein.

Sinnvoll wäre es laut Sigg darum, dass sich die Bauern gemeinsam für ein einheitliches, schweizweites Label einsetzen. Genau das will die Initiative Fair erreichen. Allerdings stehe man noch ganz am Anfang, sagt Initiantin und Luzerner Kantonsrätin Priska Wismer-Felder zu 20 Minuten. Sie hofft, dass das Label in der Schweiz einmal eine ähnliche Bedeutung haben wird wie etwa Max Havelaar.

Label ist noch nicht in den Läden

Bis zu einer Vereinheitlichung dürfte es aber noch Jahre dauern. Bisher habe die Initiative noch keine Zusagen von Verteilern erhalten, sagt Bäuerin Wismer-Felder. Sie hofft, dass das Label in wenigen Jahren in den Läden zu finden sein wird, stellt sich jedoch darauf ein, dass es merklich länger dauern könnte. Zweifel am Label hat sie jedoch keine: «Die Idee ist so gut, dass sie sich durchsetzen wird.»

20 Minuten hat bei Coop und Migros angefragt, ob sie daran interessiert seien, das Label bei ihren Produkten einzusetzen. Migros sagt, das Unternehmen werde die allfällige Aufnahme des Labels prüfen. Bei Coop hies es hingegen: «Wir setzen auf unsere Mehrwertmilch-Labels wie Bio (Naturaplan), Demeter, Pro Montagna und Heumilch.» Laut Schätzungen von Schweizerbauer.ch erhalten Bauern von beiden Detailhändlern derzeit jeweils 68 Rappen pro Kilogramm (das entspricht etwa einem Liter) Milch. Genaue Zahlen nennen weder Migros noch Coop.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Guschtaff am 09.02.2018 16:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tierwohl bestimmt den Preis!

    Die Definition von "fair" steht noch aus. Dazu gehört nach meiner Meinung auch die Fairness gegenüber den Tieren. Wie werden die Kühe gehalten, Freilaufställe, Hörner, Kraftfutter usw.? Das sind für mich die wesentlichen und preisbildenden Argumente. Sonst zahlt man altertümlichen Bauern gleich viel wie verantwortungsvollen Bauern.

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  • Tommy am 09.02.2018 15:55 Report Diesen Beitrag melden

    Fairer Marktpreis

    Der faire Preis ist genau derjenige den die Konsumenten zu bezahlen bereit sind! Und zwar ohne Subventionen! Der faire Preis für alles andere wird auch so entschieden. Subventionen endlich streichen oder um wenigstens 90% kürzen. Wer Schweizer Milch will bezahlt halt das doppelte vom heutigen Preis (würden wohl recht viele noch machen). Ist doch auch so wenn man ein T-Shirt will, wenn man auf Made in Switzerland statt Bangladesh besteht, dann bezahlt man als Konsument eben mehr! Und zwingt nicht alle Steuerzahler unfreiwillig einen Teil mitzufinanzieren.

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  • Lokmo am 09.02.2018 16:47 Report Diesen Beitrag melden

    ich lehne alles

    ab, was irgendwie reguliert wird. Je mehr Regulationen desto teurer. Ist überallso, und am Schluss kommt wieder irgend ein Amt ins Spiel, dass alles kontrollieren und überwachen will und der Apparat wird immer grösser.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Engelbert aus Engelberg am 10.02.2018 21:36 Report Diesen Beitrag melden

    Das FAIR-Label ist LU-Politik.

    Eine Kantonsrätin und ein paar ausgewählte Bauern möchten FAIR bezahlt werden für die Milch. Die Verarbeiterin EMMI hat den Hauptsitz im Kanton Luzern. Sorry die Art und Weise wie diese Label-Variante aufgegleist ist und präsentiert wird erinnert an eine "gut gemeinte" Guerilla-Politik-Aktion. Entlarvend der stolze Vergleich mit dem mehrjährigen Vorbild Max Havelaar. Da fehlen ein Masterplan und paar Experten-Statements aus dem Label-Geschäft sowie ein "hochkarätiger" Beirat. Wünsche und Wirkung stimmen nicht.

  • Markus Wegmann am 10.02.2018 21:25 Report Diesen Beitrag melden

    Mehrwert für Bauern?

    Leider ist faire Milch nicht nur den Betrag teurer, den der Bauer erhält, sondern unverhältnismässig teuer. Da werden die Margen für die Verkäufer wohl noch zusätzlich erhöht.

  • KS am 10.02.2018 19:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zum Nachdenken

    Liebe Leserinnen und Leser Meine Kühe liegen mir am Herzen und ich freue mich jeden Morgen um 5:00 aufzustehen, in die Gummistiefel zu steigen, die Kühe zu füttern, zu melken und mich um ihr Wohlergehn zu kümmern. Ebenso macht es mir grosse Freude die Kälber zu hegen und zu pflegen und ich freue mich jedes Jahr auf den Frühling wenn die Feldarbeit wieder beginnt. Und diese Freude ist der einzige Grund, warum es sich noch lohnt Landwirtin oder Landwirt zu sein! Mit 54 Rappen Milchpreis lässt sich nicht mehr unbeschwert leben..

    • Bergbauer am 10.02.2018 21:51 Report Diesen Beitrag melden

      an @KS

      Danke KS, Sie haben genau das geschrieben, was ich auch geschrieben hätte. Sie haben es sehr gut formuliert. Es ist wirklich so.

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  • Wo..sind.. am 10.02.2018 18:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und..

    Eigentlich die dankenden Bauer..arbeite in einem Milchverarbeitung Betrieb.. Drei Schicht Arbeit..wie xxx Tausend auch..Milch wird gebracht..verarbeitet..kommt in den Vekaufsladenen..fast alles Nacht Arbeit..( habe noch nie ein Merci von einem Bauer bekommen..) das er seine Milch zur Verarbeitung weiter geben kann...

  • Liebe.. am 10.02.2018 17:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hallo..

    Bauern verkauft all euer hab und gut und lasst euch zum Büezer degradieren..dann geht's euch bestens..Büezer haben Geld und viel Freizeit..meldet euch im ÖV..eine Stelle als Fenterplatz u.s.w.(und nie mehr habt ihr Sorgen..!)