Prozess in Stockholm

13. Februar 2018 11:03; Akt: 13.02.2018 11:16 Print

Attentäter schickte Selfies aus dem LKW an den IS

Zum Prozessbeginn gegen den Attentäter von Stockholm werden neue Details bekannt: Offenbar wollte Rakhmat Akilov noch viel grösseren Schaden anrichten.

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Der Attentäter von Stockholm, Akhmat Akilov (hier bei seiner Festnahme am 7. April 2017), steht seit dem 13. Februar 2018 vor Gericht. Der Prozess in Stockholm war mit Spannung erwartet worden. Zum Auftakt hat der angeklagte Jihadist ein Geständnis abgelegt. Zwei Wochen vor Prozessbeginn, am 30. Januar 2018, hatte die schwedische Polizei Bilder einer Überwachungskamera veröffentlicht, die den Attentäter nach dem Anschlag zeigen. Am Ort, wo der Lastwagen ins Einkaufszentrum fuhr, schmückten Menschen kurz nach dem Anschlag einen Polizeiwagen mit Blumen. (9. April 2017) Zehntausende Menschen legten Blumen nieder. Der schwedische Premierminister Stefan Lofven besucht den Tatort und legt Blumen für die Opfer nieder. Abgeschleppt: Der gestohlene Brauereilastwagen war zunächst durch die Fussgängerzone in der Innenstadt Stockholms gerast und dann in den Eingangsbereich eines Kaufhauses gekracht. (8. April 2017) Der LKW wird abtransportiert. Ein Polizist überwacht den Abtransport. Der zerstörte Eingang des Warenhauses, nachdem der Lastwagen entfernt wurde. Die Polizei veröffentlichte zwei Fahndungsfotos. Sie zeigen einen Verdächtigen mit über den Kopf gezogener schwarzer Kapuze und olivgrüner Jacke. (7. April 2017) Nach dem Anschlag konnte der Verdächtige zunächst fliehen. Fünf Menschen wurden bei dem Attentat getötet, zehn verletzt. Eine Augenzeugin berichtete, dass der Lastwagen mit mindestens 40 Kilometer pro Stunde durch die Fussgängerzone gerast sei. Der Vorfall ereignete sich im Zentrum von Stockholm. Die Polizei riegelte das Zentrum der Stadt ab. Die meisten zentralen Strassen wurden gesperrt, U-Bahnen, S-Bahnen und Busse stellten den Betrieb komplett ein Tausende mussten zu Fuss nach Hause gehen. Kinos und Theater sagten alle Vorstellungen für den Abend ab.

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9000 Seiten – so umfangreich ist der Untersuchungsbericht, der den LKW-Anschlag in Stockholm vom April 2017 aufrollt. 9000 Seiten, die offenbaren, wie früh sich der Attentäter Rakhmat Akilov radikalisierte und in welch engem Kontakt er zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) stand. Der Usbeke, der fünf Menschen tötete und weitere zehn verletzte, wollte dem Bericht zufolge einen viel grösseren Schaden anrichten. Seit Dienstag steht der 39-Jährige in Stockholm vor Gericht.

Dort hat sich Akilov gleich zu Beginn schuldig bekannt. Schon zuvor hatte er gestanden, er habe «Ungläubige» töten wollen. Dass dem Attentäter nicht mehr als fünf Menschen zum Opfer fielen, ist laut Anklageschrift pures Glück: Akilov hatte gemäss «Süddeutscher Zeitung» einen Sprengsatz im Lastwagen deponiert – doch die Bombe explodierte nicht. Während er das Fahrzeug fuhr, soll der Attentäter mit mindestens einer Person in Kontakt gestanden haben. Akilov schickte Selfies aus dem LKW und ein Foto des selbst gebastelten Sprengsatzes aus fünf Kanistern mit Butan-Gas, Messern, Schrauben und anderen Metallteilen.

Akilov rechnete mit eigenem Tod

Wenige Stunden vor dem Anschlag soll er zudem ein Video aufgenommen haben, in dem er sagt, es sei «Zeit zu töten». Radikalisiert hatte sich der Usbeke offenbar schon Monate zuvor. In verschiedenen Online-Chats tauschte sich der Angeklagte den Ermittlern zufolge mit mehreren Personen ausserhalb Schwedens aus, die Verbindungen zum IS hatten. Über das Netz hatte Akilov demnach angeboten, seine Loyalität gegenüber der Terrormiliz mit einem Anschlag in Stockholm zu beweisen. Allerdings hatte diese die Tat damals nicht für sich reklamiert.

Akilov hatte offenbar damit gerechnet, den Anschlag selbst nicht zu überleben. In dem LKW raste er 500 Meter über Stockholms meistbesuchte Einkaufsstrasse, bevor das Fahrzeug gegen eine Kaufhaus-Fassade prallte. Als die Bombe nicht detonierte, floh der Attentäter. Später wurde er im Norden der schwedischen Hauptstadt festgenommen.

Zeitpunkt bewusst gewählt

Den Zeitpunkt des Anschlags, einen Freitagnachmittag, wählte der 39-Jährige offenbar bewusst aus: Dann sind besonders viele Menschen auf der Einkaufsstrasse unterwegs. Zuvor machte Akilov sich aber auch über andere Anschlagsziele Gedanken. So suchte er im Internet nach «Schwulenclub Stockholm».

Die Anklage wirft Akilov vor, er habe «Furcht in der Öffentlichkeit verbreiten wollen», um Schwedens Beteiligung an der internationalen Koalition gegen den IS zu beenden. Staatsanwalt Hans Ihrman sagte vor Prozessbeginn, er wolle erreichen, dass Akilov sich nie wieder frei in Schweden bewegen könne. Er forderte lebenslange Haft. Der Angeklagte habe nicht nur fünf Menschen getötet, sondern auch riskiert, dass 150 weitere sterben oder schwer verletzt werden. Nach einer möglichen Gefängnisstrafe solle der Mann ausgewiesen werden. Der Prozess soll bis Mai dauern, ein Urteil wird für Juni erwartet.

Der Attentäter war 2014 nach Schweden eingereist – ohne Frau und Kinder, die in Usbekistan zurückblieben. Als sein Asylantrag abgelehnt wurde, tauchte er unter und hielt sich mit Gelegenheitsjobs auf dem Bau über Wasser.

(mlr)